Full text : Die Farbige Stadt (Jhg. 7, 1932-33)

Gestaltung der Reklame im Stadtbild
Se men Mitteilungen der amtlichen Baupfiege

Die blinden Augen

„Guten Morgen! Wie gehts?“
„Danke, man läuft so mit. Geschäft ist flau! Ich
nabe Zeit und gehe jetzt jeden Morgen ganz gemütich
 zu Fuß ins Geschäft. Das frischt auf und bexommt
 gut.“
„Siehst Du, das habe ich immer gesagt. Ich
scheue schon lange die Fahrkosten. Man sieht auch
nehr, wenn man geht.“
„Wieso? Hier in unserem Städtchen ist doch
wirklich nichts zu sehen!“
„Ich sehe immer was Neues.“
„So? Mir ist nichts aufgefallen.‘“
„Nanu? Du gehst doch zu Deinem Geschäft
durch die Hauptstraße.‘
Natürlich! Aber da hat sich doch seit Jahren
aichts verändert. Jedes Haus und jedes Geschäft
kenne ich wie meine Westentasche. Im übrigen
denke ich, wenn ich gehe, immer an mein Geschäft.
 Ich bin eigentlich beim Verlassen meiner
Wohnung schon im Kontor.“
„Armer Kerl! Dann läufst Du ja wie ein Blinder
durch die Straßen und siehst nicht mehr als ein
müdes Pferd, das immer auf die Pflastersteine
sehen muß.“
„Ich bitte Dich, so stumpfsinnig bin ich nun
doch nicht,
„Na, so war’s nicht gemeint. Aber, wenn Du
sagst, es gäbe in der Hauptstraße nichts Neues, so
‚st das doch nicht richtig. Was sagst Du z.B. zu der
1euen Reklame an der Drogerie Pfau?“
„Neue Reklame?” Die habe ich noch nicht
yesehen. Es ist mir auch ganz gleich, was Herr
Mau für Reklame macht, ich habe keine Drogerie,
Auch interessiere ich mich für Reklame nicht.“
„Du bist doch Schriftführer im Verkehrs- und
Verschönerungsverein.‘“
„Ja, seit 10 Jahren, aber was hat das mit der
xeklame des Herrn Pfau zu tun?“
„Sehr viel, denn erstens ist Pfau Vorsitzender
Eures Vereins und zweitens hat die Baupolizei angeordnet,
 daß die Reklame wieder beseitigt werden
muß.“

„Beseitigt? Wie kommt die Baupolizei dazu.
Das ist ja unerhört! Die Beamten sollten sich in
der heutigen Zeit um andere Sachen kümmern,
Reklame gehört zum Geschäft, aber davon verstehen
 die Beamten ja nichts; sie wissen nicht,
wie’s uns geht.“
„Jeder hat sein Geschäft, der Beamte auch.
Von ihm wird dasselbe gefordert, was Du von
Deinen Leuten forderst. Ich bin jedenfalls der Meinung,
 daß die Baupolizei durchaus recht tut, wenn
sie diese Reklame verbietet. Der Stadtbaumeister
sagte mir letzthin noch, daß das Haus aus dem
16. Jahrhundert stammte und eines der wertvollsten
3audenkmäler unserer Stadt sei. Der Provinzialsonservator

 habe sogar veranlaßt, daß es genau aufzenommen
 werde.“
„So? der alte Kasten? Aber Herr Pfau kann
doch wohl an seinem eigenen Hause die Re-<lame
 machen, die ihm gefällt, die er für sein Geschäft
 braucht. Das wäre ja noch schöner, wenn die
3aupolizei ihn daran hindern wollte. Ich ließe mir
das nicht gefallen.“
„Die Baupolizei kann Dir das aber verbieten,
sie muß es sogar, wenn die Reklame verunstaltend
wirkt.“
„Na! Wer gibt der Baupolizei das Recht dazu?“
„Das preußische Verunstaltungsgesetz.“
„Von dem Gesetz habe ich noch nie etwas gehört.“


„Das wundert mich. Du als Schriftführer des
Verkehrs- und Verschönerungsvereins müßtest das
Gesetz doch kennen. Kümmert Ihr Euch denn in
Zurem Verein gar nicht um die Reklame?“
„Warum sollen wir uns um die Reklame kümnern,
 die kommt doch von selbst. Wir haben ganz
ındere Sorgen; denn die Fremden kommen nicht
von selbst. Seit langem beraten wir schon darüber,
ob wir auf dem Marktplatz nicht zwei Reihen
Blumen pflanzen, damit die Fremden gleich sehen,
laß wir Sinn für: Schönheit und Natur haben. Da
st aber in unserem Verein so ein Querulant, ich
will den Namen nicht nennen, der sagt „Blumen
yüchsen da nicht und die beiden Blumenreihen beäinträchtigen
 den städtebaulichen Eindruck des
Marktes. Verstehst Du das?“
„Doch, das verstehe ich sehr wohl. Er will
ıicht, daß der Gesamteindruck des Marktes, der
Jlurch seine Abmessungen und durch die ihn umzebenden
 Bauten bestimmt wird, sich verändert.
Meiner Meinung nach hat er recht.“
„So? dann scheinst Du ja auch nicht viel Sinn
für Verschönerung des Stadtbildes zu haben?“
„Wir kommen von unserem Thema ab. Ich
meine, sorgt Euer Verein z.B. auch dafür, daß diese
scheußlichen kleinen und großen Markenschilder,
lie jetzt überall auftauchen, beseitigt werden? Sorgt
(hr dafür, daß die Geschäftsleute sich nicht rundum
mit Reklametafeln versehen? Du gehst doch jeden
Tag 4mal durch die Hauptstraßen, nicht wahr?“
„Ja, das tue ich.“
„Hast Du Dir schon einmal die Häuser daraufıin
 angesehen, wie sie durch Reklame verunstaltet
sind? Hast Du versucht, Dir vorzustellen, wie die
Yauptstraße aussehen würde, wenn diese Dinge
aicht da wären? Hast Du Dir schon einmal die
Frage vorgelegt, ob sie alle notwendig sind? Weißt
Du, daß an dem Pfau’schen Hause 37 Reklameschilder
 angebracht sind, daß an dem großen Kaffeegeschäft
 am Marktplatz das ganze Untergeschoß
mit knallroten Glastafeln bekleidet ist. auf denen
            
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