> : —
DIE VOLKSWOL. UNG
ZEITSCHRIFT FÜR WOHNUNGSBAU UNIV SIEBLÜNGSWESEN
2. JAHRGANG 10. JANUAR 1920 (m 007 0 2
HEFT |
Rückblick und Ausblick.
Von Walter Curt Behrendt.
N dem unglücklichen Ausgang des Krieges
ist in Deutschland die zielbewußte Durchführung
eines großzügigen Werkes innerer Kolonisation
einstimmig als der einzige Weg zu einer
moralischen Gesundung des schwer getroffenen
Volkskörpers und als letztes Mittel zur Erneuerung
der erlahmenden Kräfte proklamiert.worden.
Und mit betriebsamem Eifer und vielem
guten Willen wird nun seit einem Jahre an den
Vorbereitungen zu diesem Rettungswerk gearbeitet,
und es werden Unternehmungsgeist und
Erfindertrieb geschärft, um den Gedanken der
Siedlung in die praktische Tat umzusetzen. In
beschlcunigtem Tempo sind von der Gesetzgebung
die rechtlichen Grundlagen getroffen
worden, die die Frage der Landbeschaffung
regeln; Gelder aus Reichs- und Staatsmitteln
sind als Anreiz für die private Wohnungsbautätigkeit
in beträchtlichen Summen in Form von
verlorenen Zuschüssen zur Verfügung gestellt
worden, und die in großer Anzahl begründeten
Siedlungsgesellschaften haben eine ausgedehnte
Wirksamkeit entfaltet, um die Siedlungstätigkeit
in großem Umfang praktisch zu organisieren
Auch in technischer Hinsicht ist tüchtige und
verdienstvolle Arbeit geleistet worden. Die
durch den Kohlenmangel bedingte Baustoffnot
hat zu vielseitiger Erfindung und Erprobung
neuer Bauweisen und zu mutiger Erneuerung
alter, längst bewährter Techniken geführt, die
im Laufe der Zeiten in Vergessenheit geraten
waren. So ist vor allem die Vvorzüglich
erprobte Lehmbauweise mit gutem Gelingen
wieder aufgenommen und in vermehrtem
Umfang zur Anwendung gebracht worden.
Auch sind erfolgreiche Versuche unternommen
worden, die bisher üblichen und eingebürgerten
Bauverfahren durch Vereinfachung der Arbeitsvorgänge
zu verbessern und vor allem zu verbilligen.
Es sind zu diesem Zweck die Methoden
der wissenschaftlichen Betriebsführung und des
Taylorsystems in geistreicher Weise für das Bauwesen
und besonders für den Kleinwohnungsbau
nutzbar gemacht worden. Die Normalisierung
und Typisierung, die in der Industrie längst
eingebürgert ist, hat nunmehr auch im Bauwesen
Eingang gefunden und neue Wege zur
Vereinfachung und Sparsamkeit gewiesen. Es
genügt, diese Begriffe zu nennen, um Trückblickend
an die mannigfachen Versuche zu er-'nnern,
über deren Ergebnisse in den Heften des
ersten Jahrgangs dieser Zeitschrift fortlaufend
berichtet worden ist.
Der praktische Fortgang des Siedlungswerkes,
den wir für die nächste Zukunft eraoffen,
eröffnet den Ausblick auf eine Reihe
neuer, schwieriger Aufgaben. Statt diese Aufzaben
näher zu bezeichnen und im einzelnen
auf sie einzugehen, mag dieser Ausblick als erwünschter
Anlaß dienen, das Siedlungsproblem
einmal im geweiteten Rahmen zu betrachten und
lie eigene Berufsarbeit in den größeren Zuzammenhang
der allgemeinen Kulturarbeit zu
rücken. Solche zusammenfassende Betrachtung
wird, wenn nicht die Lösung der einzelnen Berufsaufgaben,
so doch — was gelegentlich nützlicher
ist — den Geist erkennen lassen, in dem
sie unternommen werden muß.
Als Endzweck der Siedlungsaufgabe wird
ain wirtschaftliches Ziel bezeichnet: die anzustrebende
Versorgung Deutschlands durch Eigenwirtschaft.
Dieses Ziel ist wichtig, deutet aber
nur die eine, die materielle Seite der Aufgabe
ın, die jetzt, im Hinblick auf die künftige wirtschaftliche
Entwicklung, auf den zu erwartenden
Rückgang der Industrie, eine unmittelbar aktuelle
Zedeutung gewonnen hat. Ursprünglich aber verfolgt
der Siedlungsgedanke eine geistige Idee.
Die Siedlungsbewegung bildet einen Teil jener
größeren geistigen Bewegung, die seit Jahren schon
und. nicht erst seit der Revolution, im stillen und
ı»hne planmäßigen Zusammenschluß, eine Neu.
gestaltung des Lebens, eine Harmonisierung der
Lebensführung auf Grund einer neuen Lebensund
Arbeitsoränung erstrebt. Der Siedlungszedanke
bildet einen der wichtigsten Punkte in
lem Programm dieser Bewegung, die darauf auszeht,
das Leben wieder mit gesunden und vernünftigen
Arbeitsbedingungen zu erfüllen, mit
3edingungen, die ein gewisses (GGleichmaß im