VESSENOW, Eine Handwerkergemeinde ın Hellerau.
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Wir sind dem selbständigen Handwerk gegenüber
nicht kritiklos, aber wir neigen dazu, sämtliche andern
Stände mehr zu Kritisieren,
Wir glauben, daß ein selbständiges Handwerk kommt,
das besser sein wird, als das heutige Handwerk ist, aber
wir glauben auch, daß ein solches .besseres Handwerk
im Wichtigsten nur kommen kann durch das selbständige
J]landwerk selbst, nicht etwa durch ein „Besserwissen“
der Nichthandwerker oder durch Industrie, durch Schulen,
durch Zeitungsartikel oder dergleichen; dem Ilandwerk
kann gewiß von allen möglichen Seiten her geholten
werden, dem Wesentlichen nach aber ist es auf sich
allein angewiesen. — Wir glauben an ein kommendes
Handwerk, in dem die Meister geistig sehr hochstehende
Menschen sind, und glauben an eine kommende Gesellschaft,
die das selbständige Ilandwerk ohne weiteres als
etwas sehr Mochstehendes anerkennt.
Diese Zukunft scheint uns heute so ungefähr im
ersten Morgendämmer zu liegen, es scheint uns nur nötig
zu sein, daß große Ganze unsrer Tage einigermaßen unbefangen
anzusehen, um in einem Glauben an das selbständige
Handwerk befestigt zu werden,
Wir sehen uns heute überall sehr dringlich genötigt,
unsre bisherigen Werturteile zu prüfen und zu korrigieren,
das aber kann gar nicht geschehen, ohne daß das selbständige
Handwerk gewinnt, denn tiefer als wir es während
der letzten Jahrzehnte werteten, kann es überhaupt
nicht mehr gewertet werden.
Die besondere Art unsres Lebens und Treibens der
jetzten Jahrzehnte hat das selbständige Handwerk und
mit ihm den besten gesellschaftlichen Mittelstand fast vernichtet,
er aber ist von allen Ständen der wichtigste Stand,
mit ihm steht oder fällt unmittelbar das große Ganze.
Es mag Staaten geben, die ohne einen guten einflußreichen
Mittelstand leben können, ähnlich so, wie es alte
Weidenbäume gibt, die ganz munter zu sein scheinen,
obgleich ihr Stamm fast nur noch Rinde ist, aber das
sind Ausnahmen.
Der Mittelstand ist hier nicht im Sinne der politischen
Partei zu nehmen. Wir suchen hier mit dem „Mittelstand“
ein Gesellschaftliches oder Weltliches zu treffen,
das dem eigentlich Menschlichen sehr nahe steht, für das
- ganz einfach genommen — das Körperliche so wichtig
ist wie das Geistige (wir können ohne Körper so wenig
Mensch sein wie ohne Geist), wir halten hier etwa das
Wollen für genau so wichtig oder unwichtig wie das
Können, das Kraftgefühl für so wichtig wie das Gefühl
der Schwäche, das Gesellschaftliche für so wichtig oder
unwichtig wie das Persönliche, stehen dem Reichtum so
nahe oder so fern wie der Armut, dem Mühen so nahe
wie dem Faulenzen usw.
Kin. solches Inmittenstehen ist nie ganz zu verwirklichen,
aber ist uns immer — ob wir wollen oder nicht —
ein höchstes Ziel. Denn nur dort sind wir mit uns selbst
und mit der Welt im Gleichgewicht oder in Harmonie.
Dieser Mittelstand ist nur im Geiste oder in der Vorstellung,
aber es gibt doch auch einen weltlichen Mittelstand,
der dem idealen Mittelstand nahe oder — vervlichen
mit andern Ständen — am nächsten ist.
Mit diesem Kriege geht es weitaus in erster Linie
um den handwerklichen Mittelstand: Entweder um seinen
(und damit um: unser aller) tiefsten Fall oder um dieses
Mittelstandes (und damit um unser aller) größte Herrlichkeit.
Und so — meinen wir — wird jedes nennenswerte
Bemühen um das selbständige Handwerk zu einer wichtigsten
Angelegenheit aller Menschen, zu allererst aber
der Menschen, die dem guten Mittelstand angehören
oder sich doch diesem Mittelstand zurechnen.
Und so rechnen wir in der Handwerkergemeinde
ıuch damit, daß ihr Nachwuchs in erster Linie aus dem
Mittelstand komme, wir glauben, daß ein Großteil der
vreiferen Jugend unsrer (jymnasien und ebenso ein Großteil
resignierender Studenten verhältnismäßig leicht für
das Erlernen eines Handwerks zu gewinnen ist, daß für
zie jede mittelgroße selbständige Werkstatt sehr viel
Verlockendes hat, besonders noch dann. wenn der Handwerksmeister
sich etwas mehr als bisher auf geistig
reifere Lehrlinge einstellt. Eine solche Einstellung aber
ist den Meistern der Handwerkergemeinde selbstver-;ständlich,
sie werden ohne weiteres gern in jedem Lehrling
einen zukünftigen besten Meister, einen zukünltig
überall wirklich maßgebenden Menschen sehen und werden
ich immer und gern bemühen, besonders einer reiferen
Jugend beste Lehrstätten zu bieten.
Allerdings werden alle Lehrlinge in der Handwerkerzemeinde
auch nur als Lehrlinge behandelt, nicht etwa
als „Volontäre“ oder als Schüler oder so ähnlich, die
Lehrlinge müssen hier durchaus die übliche Arbeitszeit
aller Handwerkerlehrlinge einhalten und unterstehen in
'hrem Leben und Arbeiten ganz so wie jeder sonstige
Handwerkerlehrling dem Meister und den Gesellen.
Soweit diese Bestimmung hart oder abschreckend anzuhören
ist, sei nebenbei doch daran erinnert, daß auch das
Leben des modernen Studenten, des Kontorlehrlings usw.
Jurchaus nicht nur aus Jubel besteht.
Das handwerkliche Leben und Arbeiten hat — wenn
man will — viele niedrige Grobheiten, aber diese sind
— richtig besehen — nicht niedriger oder zahlreicher
als die Grobheiten im Leben und Arbeiten andereı
Menschen. Der Unterschied zwischen diesen und dem
Handwerker besteht nur darin. daß dieser die Grobheiten
>ffener zeigt oder‘ -— seiner besonderen Welt ent-;prechend
— notwendig offener zeigen muß, er steht der
Wahrheit immer am nächst:n. So wird deutlich auch
jedes Volk oder jede Zeit mit geringem oder mit einem
venig geachteten selbständigen Illandwerk immer in
nem besonders hohen Grade das Verlogene haben, und
;o sind auch wir in der modernen Welt mit dem bei-“piellos
niedrig stehenden ]andwerk in einem unerhörten
\laße auf Verlogenheiten eingestellt, so daß wir dann,
venn wir die Wahl haben. immer wieder so gern und
wie ganz selbstrerständlich dorthin gehen. wo das Lügen
jequem ist. Im Handwerk aber ist es am schwersten.
Wir glauben an eine Jugend, welche die Wahrheit
mehr sucht, als wir Erwachsenen sie alltäglich suchten,
und die dann weniger, als wir es getan haben. vol
handwerklichen Grobheiten zurückschreckt,
Hausbesitz und Sozialisierung.
Von Robert Adolph.
s konnte nicht ausbleiben, daß die Forderung der
Sozialisierung auch auf den Hausbesitz ausgedehnt
wurde,!) daß namentlich die Konsumenten der WohnungSswirtschaft,
die Mieter, nach der Vollsozialisierung
ruten und ihnen keine andere Lösung des Wohnungsproblems
radikal genug erscheinen will. Zu einem großen
Teil ist dieses Verlangen und die Macht derer, die es
tragen. die Stärke der Opposition, die in den Mieterorganisationen
heute dem gewerblichen Hausbesitz er-\
Vgl. Jahrg. 1919 d. Bl., S. 248 u. S. 261
wächst, auf ihn selbst zurückzuführen. Auf ihn selbst,
indem er den Besitz eines Hauses zu einem lebensunterhaltenden
Geschäft entarten ließ — das aber nicht auch
sine lebenausfüllende Arbeit erfordert — und indem er
lie Durchsetzung seines Standes mit Elementen duldete,
lie nicht auf Hausbesitz, sondern Häuserhandel sannen.
Die Spekulation ist zum Geschwür im Körper dieses
Standes geworden, das ihn verseucht, und dessen Druck
len Gegendruck der Mieter herrorgerufen hat, die den
Hausbesitzern entschlossen das Recht absprechen, Vervalter
überdauernder Volksgüter zu sein.