Volltext : Die Volkswohnung : Zeitschrift für Wohnungsbau und Siedlungswesen (Jhg. 2, 1920)

DIE VOLKSWOHNUNG
ZEITSCHRIFT FÜR WOHNUNGSBAU UND SIEDLUNGSWESEN
2. JAHRGANG 24. OKTOBER 1920
[Alle Rechte vorbehalten.]

HEFT 20

Siedlungsbau.

Selbsthilfe im

er Gedanke der Selbsthilfe im Siedlungsbau, .dem
die Mehrzahl der in dem vorliegenden Heft vereinigten
 Beiträge gewidmet ist, gewinnt heute, angesichts
 der ständig wachsenden Baukosten und der dadurch
 bedingten Unwirtschaftlichkeit aller baugewerblichen
Unternehmungen, mehr und mehr an Boden. Er wird von
amtlicher Seite, von den für das Siedlungswesen zuständigen
 Behörden und Regierungsstellen planmäßig gefördert
und von ernsten Fachleuten auf Grund sehr günstiger
praktischer Erfahrungen nachdrücklicher Beachtung
empfohlen. Auf der anderen Seite werden gegen diesen
Gedanken laute Bedenken erhoben, und es wird mit guten
Gründen vor den Folgen eines ungesunden Baudilettantismus
 gewarnt, der zu einer weiteren Zerstörung handwerklicher
 Überlieferung führen müsse. Vor allem
besteht in den Kreisen der Bauarbeiter aus naheliegenden
Gründen eine heftige Abneigung gegen den Gedanken
der Selbsthilfe, und in der letzten Nummer des „Grundstein“,
 des Wochenblattes des Deutschen Bauarbeiterverbandes,
 wird in einem längeren Artikel, der sich mit
dieser Frage beschäftigt, mit aller Deutlichkeit sogar
schon von einer „Selbsthilfeseuche“ gesprochen.
Die Gegnerschaft gegen die Idee der Selbsthilfe ist
durchaus verständlich. Namentlich dem mit allen Hilfsmitteln
 einer durchgebildeten Mechanisierung rechnenden
Techniker wird die Vorstellung, daß ein hochentwickeltes
[ndustrievolk zu derart primitiven Formen der Bauausführung
 zurückkehren soll, unerträglich sein. Er empfindet
 den Gedanken als rückständig und wird ihn sogar
sentimental-romantisch schelten. Die Arbeiterschaft
anderseits erblickt in der Selbsthilfe eine unlautere
Konkurrenz und macht dagegen geltend, daß in einer
Zeit, in der umfangreiche Aufwendungen für die Erwerbslosenfürsorge
 erforderlich sind, ein solches Verfahren
 auch in volkswirtschaftlicher Hinsicht äußerst
bedenklich sei, da auf diese Weise die herrschende
Arbeitslosigkeit nur vermehrt würde. Wenn dann weiter
eingewendet wird, daß uns solche Bestrebungen in der
Kultur zurückbringen, weil sie dem Grundsatz der
Arbeitsteilung widersprechen, so mag auch darin etwas
Wahres liegen; fragt sich nur, ob unsere Kultur im Gefolge
 der durch den Krieg gewandelten wirtschaftlichen
Verhältnisse nicht von ganz anderer Seite in ihrem Bestand
bedroht ist, ob ferner der vielgerühmte Grundsatz der
Arbeitsteilung sich künftig überhaupt noch wird aufrecht
arhalten lassen, oder ob wir nicht vielfach, durch die neuen
Umstände gezwungen, zu einfacheren Wirtschaftsformen
zurückkehren müssen. Wenn gesagt wird, die Durchführung
 weitgehender Arbeitsteilung allein gebe dem
einzelnen die Möglichkeit, bei verhältnismäßig kurzer Arbeitszeit
 sich in seinen Freistunden der modernen Kulturerrungenschaften
 zu erfreuen, so beweist doch schon die
Ausbreitung des Laubengartenwesens während der letzten
Jahre, daß gerade der Großstädter die Gartenpflege und
die eigene handwerkliche Betätigung, die damit verbunden
ist, vielfach dem Genuß jener oft recht zweifelhaften
Kulturerrungenschaften vorzieht. Wer es je beobachtet
hat, wieviel Eifer und. Arbeit alljährlich im Frühling auf
diese Gärten verwandt wird und mit welchem Geschick
von den Besitzern selbst die Lauben darin erbaut und
wohnlich hergerichtet werden, der wird auch die Bedeutung
des Selbsthilfeygedankens richtig erkennen und ihn nach

Nert und Wirkungsgrad abzuschätzen wissen. Wenn es
zelingt, diesen starken Trieb zu eigener handwerklicher
Zetätigung, wie er sich in mannigfaltigster Form im
Cleingartenbau heute äußert, für den Siedlungsbau nutzar
 zu machen, wenn es in einzelnen Fällen, besonders
ıuf dem Lande, möglich ist, diesen gesunden Trieb durch
lien Anreiz, den das Verlangen nach einer eigenen Heim-;tätte
 gibt, eine besondere Kraft zu geben, so wird der
rute Kern, der zweifellos in der viel umstrittenen Selbstıllfeidee
 steckt, wertvolle Früchte tragen.
So wird auch der Weg der Selbsthilfe in bescheidenem
Jmfang zur Linderung der Bau- und Wohnungsnot führen
<önnen. Einzelnen zu praktischer Arbeit Befähigten wird
2s auf diesem Wege gelingen, sich eine bescheidene
Nohngelegenheit zu schaffen. Daß damit die Lösung
les Siedlungsproblems nicht gefunden wird, ist ebenso
icher, wie sie in der heute nachdrücklich geforderten
jozialisierung des Bauwesens allein nicht liegen kann.
\ber heute wird jedes Mittel, das nur irgendwie Erfolg
‚erspricht, angewendet und versucht werden müssen, um
lie täglich wachsenden Schwierigkeiten auf dem Gebiete
les Wohnungswesens zu erleichtern. Und jedes neu ertehende
 Haus ist, wie immer es erbaut sein mag, als prakische
 Leistung zur Bekämpfung der Wohnungsnot wertroller
 als alle Theorien und Doktrinen. Nichts wäre freilich
nehr zu bedauern, als wenn der Gedanke der Selbsthilfe im
jiedlungswesen nun wieder zum Gegenstand einer überıäfrigen
 Propaganda gemacht und etwa als einzig wirkames
 Rettungsmittel angepriesen würde, wenn diese Idee
ım Ende wieder Anlaß zur Begründung einer neuen Or-‚anisation
 geben würde, die sich mit großem Apparat ihrer
*örderung und Verbreitung annehmen soll. Jede Überchätzung
 müßte auch hier bald wieder zu schweren
Aückschlägen und Enttäuschungen führen. An sich bejält
 dieser Gedanke, richtig angewendet, seinen prakischen
 Wert, trotz Arbeitsteilung, Industrialisierung und
jozialismus, und es werden sich damit von Fall zu Fall,
vo die natürlichen Voraussetzungen gegeben sind,
‚ünstige Ergebnisse erzielen lassen. Welcher Art diese
/oraussetzungen im einzelnen sein müssen, ist in den
ıachstehenden Aufsätzen eingehend erörtert.
Letzten Endes ist der Selbsthiltegedanke offensichtlich
jerausgewachsen aus dem steigenden Mißtrauen gegen
lie vielen Organisationen, Vereine und Gesellschaften,
lie sich heute der Pflege und Förderung des Siedlungsvesens
 mit mehr oder weniger Berufung angenommen
ıaben und deren praktische Leistung nur allzuhäufig in
‚ar keinem Verhältnis zu ihrem aufwendigen Verwaltungs-'pparat
 steht. Und zugleich macht sich darin eine gesunde
leaktion geltend gegen die geduldig abwartende Passiität,
 mit der bisher alle Hilfe im Siedlungswesen allein
nd ausschließlich vom Staat und seiner Unterstützung
rwartet wurde. Diese Vertrauensseligkeit scheint erichüttert
 und macht allmählich der Überzeugung Platz,
laß im Grunde jeder auf sich selbst angewiesen ist und
albst auch am besten für sich sorgt. Das alte Wort
‚Selbst ist der Mann“ hat allgemach wieder neuen Klang
)jekommen, und wir glauben, daß gerade heute, wo die
X<ratt des Staates zur Hilfeleistung mehr und mehr erahmt,
 diese gesunde Gesinnung der tatkräftigsten Förde-‘ung
 bedarf überall, wo sie sich zeigt.
Die Schriftleitung.
            
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