Volltext : Die Volkswohnung : Zeitschrift für Wohnungsbau und Siedlungswesen (Jhg. 2, 1920)

DIE VOLKSWOHNUNG:
ZEITSCHRIFT FÜR WOHNUNGSBAU UND SIEDLUNGSWESEN
2. JAHRGANG 24. NOVEMBER 1920
TANe Rechte vorbehalten.]

HEFT 2?

Stand der Normenarbeit im Hochbau. U
Von Gerhard Jobst, Regierungsbaumeister und Privatdozent.
V kurzem fand in Würzburg die ı4. Ta- Wandöffnung danach anlegt, der Tischler die
; gung der Reichshochbaunormung statt. An Tür anfertigen kann, ohne erst am, Bau Maß
ler großen Beteiligung und am Fortgang der 1ıehmen zu müssen. Weiter _ werden an der
Arbeiten konnte man erkennen, daß sich der Tür die Abmessungen für die Beschlagteile ge-Normengedanke
 gegen anfängliche Widerstände ormt, damit nur einige wenige Cirößen der
soweit dürchgerungen hat, daß die Normung 3änder und Schlösser benötigt werden. Wie
bald. allgemein als etwas Selbstverständliches onst die Tür gestaltet wird, wie der Handwerker
anerkannt sein wird. Die obersten Behörden eine Verbindungen und der ‚Architekt seine
fast aller Länder und des Reiches waren ver- tormen wählt, liegt außerhalb der Normung.
treten; dazu Handwerk, Baugewerbe und Archi- Die wirtschaftlichen Vorteile, auf die es
‚ektenschaft. Aus allen deutschen Landesteilen etzten Endes ankommt, sind durch einheitliche
waren Abgesandte erschienen, auch aus Öster- \nschlußmaße zu erreichen. Sind diese genormt,
reich, das sich mit dem Reiche geistig und wirt- lann können Bauteile, die bis jetzt einzeln nach
schaftlich verbunden fühlt, wenn es auch poli- esonderem Aufmaß angefertigt werden. mußten,
tisch, noch nicht möglich ist. n größeren Reihen gleichartig und auf Lager ge-Von
 Außenstehenden wird der Erfolg der ırbeitet werden. Die Instandhaltung der Gebäude
Normung noch vielfach angezweifelt. Es tauchen vird durch Auswechselbarkeit der Ersatzteile
ımmer wieder Stimmen in der Öffentlichkeit auf, rleichtert. Der Entwurf, die Bauleitung und
lie sich gegen die Baunormung erheben. Diese \brechnung werden vereinfacht, wenn man sich
Zweifler verstehen meist den Sinn der Normung ewöhnt hat, genormie Maße inne "zu halten.
(alsch, sind sich der Grenzen der Normung nicht Venn sich die Baunormung auf diese Aufgabe
klar bewußt.und fürchten Schäden von einer über- eschränkt und es ablehnt, „die Arbeit“ zu
iriebenen Normung. Die Praxis schneidet aber 10rmen, also, um noch ein anderes Beispiel zu
von selbst die Normung auf ihren rechtmäßigen ıehmen, bei den eisernen Fenstern dıe. Ab-Umfang
 zurück. Die im Laufe der Jahre durch uessungen der Glasscheiben und Maueröffnundie
 . Normenarbeit gesammelten Erfahrungen en einheitlich festlegt, die Art der Sprossen
zeigen es deutlicher, als es sich zu Beginn des ind Eisenverbindungen aber den Herstellern
Unternehmens übersehen ließ, wo das Ziel ge- berläßt, dann wird den Einsprüchen, die von
steckt ist. Es ist ein wesentliches Ergebnis der eiten des Handwerks und der Industrie be-Würzburger
 Tagung, die Grenzen der Normung reffend der Arbeit vorgebracht werden, der
öffentlich zum Ausdruck gebracht zu haben. ’oden entzogen. Das Handwerk, fürchtet man,
Das begrenzte Ziel bewahrt die Mitarbeiter, auf würde durch die Normung verflachen, die Gleich-Seitenwege
 abzuirren, und gibt dem Ferner- nacherei gewöhne dem Handwerker das Nachstehenden
 die Gewißheit, daß die Normung nicht lenken ab, ertöte den technischen Fortschritt
die gefürchtete: Übertreibung erlährt. ınd nähme dem lernenden Nachwuchs die Ge-Es
 ist nicht Aufgabe der Normung, Kon- genheit, sich vielseitig zu entwickeln; die
struktionen, Herstellungsverfahren oder gar archi- Jormung industrialisiere das Baugewerbe und
'ektonische Formen einheitlich festzulegen. Es erderbe damit das Handwerk überhaupt. Hat
sollen nur Maße bestimmt werden, und zwar je Herstellung der Ziegelsteine darunter geaur
 soweit, daß die Erzeugnisse verschiedener ıtten, daß einheitliche Maße für den Backstein
Handwerkszweige ohne Nachpassen aneinander ingeführt worden sind? Genau so wenig wird
zu fügen sind. Bei einer Tür beispielsweise lie Anfertigung eines Fensters darunter leiden
werden die äußeren Maße des Türflügels unter önnen, daß sich die Besteller an bestimmte
Berücksichtigung genormter Holzschnittmaße an- \bmessungen gewöhnen, die immer wieder verzegeben.
 damit der Maurer von vornherein die angt werden Wie es Handstrichsteine und
            
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