Volltext : Die Volkswohnung : Zeitschrift für Wohnungsbau und Siedlungswesen (Jhg. 2, 1920)

DIE VOLKSWOLE NUNG
ZEITSCHRIFT FÜR WOHNUNGSBAU UND SIEDLUNGSWESEN
2. JAHRGANG 94, MÄRZ 1920 A 3) HEFT 6
rAlle Rechte vorbehalten.]

Sn

Der Akkordlohn im Baugewerbe.
"Von Stadtbaurat Dr.-Ing. Martin Wagner, Berlin-Schöneberg.

D- Ruf nach gesteigerter Arbeitsleistung wird
heute von allen Stellen erhoben, die sich
verantwortlich fühlen für den Wiederaufbau
unseres Wirtschaftslebens. Fragt man nach den
Mitteln und Wegen, die uns diesem Ziel näher
bringen können, so hört man immer wieder die
Forderung: Akkordarbeit!
Vor dem Kriege war das Unternehmertum
ein ebenso grundsätzlicher Verfechter der Akkordarbeit
 wie die organisierte Arbeiterschaft ihr
Gegner war. In diesem Streit obsiegte das Unternehmertum,
 weil es fast in jedem Einzelfall die
entscheidende Macht der Regierung hinter sich
hatte. Dieses Kräfteverhältnis ist durch die Revolution
 ein anderes geworden. Die organisierte
Arbeiterschaft entscheidet heute mehr denn je,
ob sie die Akkordarbeit will oder nicht will.
Die Akkordarbeit war vor dem Krieg eine
Machtfrage, sie ist es auch heute noch. Vor
dem Kriege wurde diese Machtfrage entschieden
durch die Regierung. Heute stehen wir vor
einer solchen Entscheidung durch die gleiche
Instanz, nur mit dem Unterschied, daß die heutige
Regierung ihre Entscheidung nicht so einseitig
treffen kann, wie das vor dem Kriege geschah.
Heute muß die Regierung mit den Widerständen
 der Arbeiterschaft gegen die Akkordarbeit
 rechnen. Die Entscheidungen können daher
 heute nicht so roh fallen wie vor dem Kriege.
Das müssen sich die Unternehmer und das muß
sich auch die breitere Öffentlichkeit sagen. Nur
in einem Punkt wird die Entscheidung für oder
gegen die Akkordarbeit eine reine Machtfrage
bleiben müssen, nämlich dort, wo politisch irregeführte
 Massen die Steigerung der Arbeitsleistung
 aus rein politischen Gründen verweigern,
wo die Ablehnung der Akkordarbeit auf eine
Sabotage des Wirtschaftslebens hinausläuft, wo
führende Politiker die Akkordarbeit;als ein Faustpfand
 für politische Rechte in der Hand hehalten
 wollen.
. Diese Auffassung wird von den linksradikalen
 Kreisen zwar nicht offen vertreten, sie
zieht sich aber wie ein roter Faden durch ihre
gesamte Politik. Die Freunde der Akkordarbeit

müssen auf diese Tatsache Rücksicht nehmen
und den Gegnern die sachlichen Einwände gegen
die Akkordarbeit aus der Hand zu schlagen versuchen,
 mit denen sie ihre politischen Ziele ver-Schleiern
 wollen. Wir werden uns daher ganz
nüchtern zu fragen haben, welche Einwände
gegen die Akkordarbeit erhoben werden können
und mit welchen Mitteln sich die Schäden der
Akkordarbeit neutralisieren lassen.
Vom Standpunkt des Arbeitnehmers lassen
sich gegen die Akkordarbeit etwa folgende Einwände
 machen:
1, Der Unternehmer pflegt den Akkordsatz bei nächster
Gelegenheit herabzusetzen. wenn er sieht. daß der Arbeiter
gut verdient.
2. Die Arbeiter selbst pflegen sich in den Akkordsätzen
 zu unterbieten, um in die Arbeit hineinzukommen,
was nach dem jeweiligen Stand der Arbeitslosigkeit für
die Arbeiter selbst mehr oder weniger schädlich sein muß.
3. Der Ertrag der Akkordarbeit ist oft von den
Polieren und Unternehmern abhängig, die es in der
Hand haben, den Arbeitern mehr oder minder ertragreiche
 Arbeiten zuzuweisen oder auch durch ihre Anordnungen
 (Materialbeschaffung. Beschaffung von Gerüsten
und Geräten) auf der Baustelle den Ertrag der Arbeit
mehren oder mindern können.
4. Zwischen den Polieren, Bauführern und Unternehmern
 einerseits und den Akkordarbeitern anderseits
legen sich Streitigkeiten bei der Abnahme und der
Aufmessung der Arbeit einzustellen. die oft zum Nachteil
der Arbeiter auslaufen.
5. Das Schlagwort: „Akkordarbeit ist Mordarbeit“,
hat seine Begründung dann, wenn der gesunde Erwerbsnn
 des Arbeiters durch zu hohe oder zu niedrige Akkord-;ätze
 in Bahnen geleitet wird, die körperliche Schäden
ıach sich ziehen, was vor dem Kriege nur zu oft der
Fall war.
6. Die Akkordarbeit wirkt hemmend auf das Solilaritätsgefühl
 der Arbeiterschaft ein und ermöglicht es
lem Unternehmer, die einheitlichen Interessen der Arveiterschaft
 zu eigenem Nutzen zu sprengen.
7. Die Akkordarbeit bewirkt eine Auslese der leistungsühigsten
 Kräfte und benachteiligt dadurch die weniger
‚eistungsfähigen Arbeiter (Kriegsbeschädigte usw.).
S. Die allgemeine Steigerung der Arbeitsleistung
lurch die Akkordarbeit soll angeblich die Arbeitsgelegenheit
 vermindern und dadurch Arbeitslosigkeit verursachen.
g. Die Akkordarbeit muß hemmend auf die Qualitätsarbeit
 einwirken, wenn der Akkordsatz auf die Oualität
Jer Arbeit nicht eingestellt ist.
10. Die Akkordarbeit wirkt nachteilig ein auf sparjamste
 Materialverwendung und pflegliche Behandlung
ler Gerüste und Geräte.
11. Der bei der Akkordarbeit produzierte Mehrwert
lt unkontrolliert dem Unternehmer und nicht der Allzemeinheit
 zu
            
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