Full text: Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg. Inventar. Schwarzwaldkreis (1897)

Reutlingen. 
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von männlichen Brustbildern. Das Dach war mit vergoldeten Knöpfen geziert,- in 
der Mitte und auf den vier'Ecken schwebte» auf Stangen wasscrspeiende kupferne 
Drachen, „die greulich Zähn' und Mäuler blecken". — An den vom alten Rathaus 
übernommenen Fenstern der Ratsstube prangten die Namen und Wappen der ge 
fallenen Ritter von 1377, und es wurden dort außerdem niancherlei Erinnerungen 
aus alter Zeit aufbewahrt, wie Tartschen, Armbrust, Helme, Pfeile. An der Lang 
seite des Hauses hing seit Ferdinands I. Zeiten an eisernen Ringen der berühmte 
Sturmbock, der bei der Belagerung Reutlingens 1247 in Anwendung gekommen 
sein soll: 
„Ein wundcrbarlich seltsam Ding, 
Da vorne» beschlagen also sest 
Mit eisnem Schnabel uf das best." 
Die lateinische Inschrift meldete: 
Memoriae aeternae sacrum: Imperatore Caesare Ferdinand» primo pio, 
felici, semper Augnsto, Germaniae, Hungariae, Bohemiae Rege, Infante Hi- 
spaniarum, Arcliiduce Austriae, Comite Tyrolis regnante, Senatus Populusque 
Reutlingensis, Arietem sinne, ne a posteritatis memoria desideraretur, in 
publicum ponendum curarunt Anno Christi MDLXIII. — 1726 brannte das 
Rathaus bis ans den untern Stock ab; auch der Sturnibock ging dabei zu Grunde 
bis aus ein kleines Stück, das verschwunden ist. 
Die Stadtmauer hatte ans der der Stadt zugekehrten Seite einen heute noch 
an einzelnen Stellen, z. B. beim alten Zeughaus in der Jos Weißstraße wohl 
erhaltenen hölzernen Umgang, der auf einer Bogenstellung ruhte. „. .. mit einem 
Ausruf der Verwunderung blieb Heinrich stehen; er sah sich in einem schmalen, aus 
getretenen und unebenen Gang, der ans der einen Seite offen und mit einer hölzernen 
Brüstung versehen war. .. . Wir sind auf der Mauer, sagte das Mädchen. ... Der 
Gang führte in regelmäßigen Strecken durch kleinere Türme und Türmchen, tvelche 
sich über die Mauer erhoben. Man sah, daß die Stadt in früheren Zeiten für wohl 
verwahrt hatte gelten dürfen." (Hermann Kurz in Schillers Heimatjahre.) — Vor 
der Stadtmauer lief eine zweite niedrigere Blauer, teils mit Ziegeln gedeckt, teils mit 
Zinnen. Diese Mauer, deren Ansatz heute noch am runden Turm beim Knabenschul 
gebäude erkennbar ist, war gleichfalls mit Türmen — Rundellen — und Thoren an 
allen geeigneten Orten versehen. 
Von diesen Türmen steht noch der ebengenannte, guterhaltene beim neuen Schul 
gebäude und ein zweiter, mehr versteckt liegender, an der Ecke der obern Gartenstraße. 
Von den Türmen an der Hauptmauer steht außer den beiden Thortürmen nur noch 
der südöstliche Ecktnrm in der Jos Weißstraße, der später Kesselturm hieß und nach 
innen offen und mit Zinnenwerk versehen war. Der Storchen türm stieß nicht 
unmittelbar an die Stadtmauer, sondern bildete ein Vorwerk an der nordwestlichen 
Ecke. Vor der äußeren Mauer lief ein Wassergraben, der durch Quermauern, sogen. 
Traversen, in verschiedene Abschnitte geteilt war. 
Das Tübinger oder Metmanns Thor, an der Südseite der Stadt, schon 1267 
so genannt, frühgotisch, die breite spitzbogige Durchfahrt stark im Boden sitzend, hat 
über sich ein gotisches Giebeldreieck, an den Ecken steinerne Strebepfeiler, oben mit 
Paulus, Denkmäler aus Württemberg. Schwarzwaldkreis. 17
	        

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