Full text: Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg. Inventar. Schwarzwaldkreis (1897)

56 Schwarzwaldkreis. Oberamt Calw. 
Portalbildung. An allen Portalen von St. Peter in Hirsau ist die Gliederung 
be* Zweimal abgeschrägten Sockels als Umrahmung um die Thüröffnung herum 
geführt • Wir haben hier das früheste datierte Beispiel dieses Motives. Die Portal 
gewände sind mehrfach abgestuft, aber nicht mit Säulen ausgesetzt; diese einfache 
Hirsauer Portalform, welche bis jetzt in der Entwicklungsgeschichte des Portales noch 
gar nicht gewürdigt ist, begegnet uns auch in Alpirsbach, Prüfening, Munch 
aura ch u.a. Kirchen. Bezeichnend ist auch die in St. Peter in Hirsau zuerst auf 
tretende rechtwinklige Umrahmung der die drei Schiffe trennenden Arkadenbögen, welche 
in anderen Bauten der Schule, wie Paulinzelle, Thalbürgel, Sekkau beob 
achtet wird, auch in der Cisterzienserkirche Maulbronn. (Nach Georg Hager.) 
Zur Aufhellung der ehemaligen Anlage von St. Peter bieten untrügliche An 
haltspunkte zwei großartige Kirchenbauten, die etwa 40 Jahre früher fertig gewordene 
Klosterkirche zu Limburg in der Rheinpfalz, und die im Thüringer Wald liegende, 
von Hirsau aus gestiftete, vielleicht nur 10 Jahre jüngere. Klosterkirche zu Paulin 
zelle. Es hat einen eigenen Reiz, diese beiden gleichfalls in Trümmer geworfenen 
Bauten mit dem in Hirsau zu vergleichen. Das Gewaltig-Einfache und doch Durch 
gebildete, der Ernst der Formen und die strenge Hoheit der Verhältnisse herrscht schon 
an der Limburger Klosterkirche, diesem ersten und großartigsten Werke der salischen 
Kaiser. Zu denken giebt, daß die Hirsauer Kirche dieselbe Gesamtlänge hat wie die 
Limburger, nämlich 97,20 m oder 330 römische Fuß. Die Hirsauer ist iu Formen 
um einen Hauch weicher, und im Grundriß der Limburger entschieden überlegen. Die 
geradabschließende Chorpartie ist ganz ähnlich, weiter die Vorhalle zwischen den zwei 
Westtürmen und die Rundbogenportale mit den großen geraden Oberschwellen. 
Das andere Bauwerk, das in Paulinzelle, wiederholt merkwürdig genau den 
Grundriß von Hirsau, nur daß der Chor mit drei Halbrunden schließt. Auch hier 
war ohne Zweifel ein offener Vorhof beabsichtigt, der dann zu einer zweistöckigen Halle 
eingebaut wurde. Die Verhältnisse des Grundrisses sind ganz dieselben wie in Hirsau, 
nur in etwas kleineren Abmessungen, Gesamtlänge über 81 m. Auch finden sich ganz 
dieselben einfachen, von dem Sockelgesims umlaufenen Rundbogenportale. Die Höhe 
des Mittelschiffes verhielt sich ungefähr wie 1: 2, ein sehr schlankes Verhältnis. Keine 
einzige Würfelknaufsäule der Arkaden steht mehr ausrecht in Hirsau, in Limburg nur 
einige, in Paulinzelle noch sämtliche. Kloster Paulinzelle wurde gegründet von der 
Witwe Paulina, der Tochter des kais. Truchsessen Moricho, der später in das Kloster 
Hirsau eintrat und daselbst starb; sie selbst zog Mönche und den Abt (Gerung) alis 
Hirsau nach Paulinzelle und starb 1107; ihrer beider Sohn Werner war gleichfalls 
Mönch in Hirsau. 
In Limburg erscheint vor der Kirche zwischen zwei Türmen die Vorhalle und dann 
erst der Borhof und zwar nur in der Breite des Mittelschiffes; Abt Wilhelm hat nun 
durch einen kühnen Griff die Türme samt der Vorhalle ganz nach Westen gerückt und 
den Vorhof zwischen Türme und Kirche gestellt, wodurch an Einheit entschieden gewonnen 
worden ist. Z» seiten der Limburger Westtürme steigen noch runde Wendeltreppen 
türmchen auf; diese Treppen legte Abt Wilhelm in seine Türme. Durch die kleinen run 
den Lreppentürme entsteht wohl in Limburg ein malerischer Reiz, aber auch eine 
gewisse Häufung der Formen und Zerreißung des Eindrucks, s. S. 58.
	        

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