Full text: Jahres-Bericht der Königlichen Polytechnischen Schule Stuttgart (1868/69)

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Ausser dem Neuen Bau und einigen älterem Gebäuden, die der Früh-Renaissance an 
gehörig jetzt im Geschmack des Barokstyls dekorirt oder umgestaltet wurden, (das Rathhaus 
mit seinem geschweiften Giebel und der künstlichen Uhr 1455 erbaut, 1582 renovirt, 1824 von 
Oberbaurath Gross modernisirt; die Hofkanzlei, rechts vom alten Schlosse auf dem Schiller 
platz, 1556 noch unter Herzog Christoph einfach im Renaissancestyl erbaut, 1599 mit der so 
genannten dorischen Wassersäule geziert; das Landschaftshaus mit seinen geschweiften Giebeln 
1565 erbaut, später mit Fresken im Barokstyl überdeckt) ausser diesen Bauten haben wir den 
oben geschilderten Styl noch vertreten im sogenannten Commishaus, jetzt Palais des Prinzen 
Friedrich, von 1677—1710; in dem ursprünglich dreistöckigen, mit hohem Giebel gezierten Ge 
bäude des Gymnasiums 1685; im K. Schlosse, 1746 unter Carl Eugen begonnen; ferner in 
unserer näheren Umgebung in dem Ludwigsburger Schlosse, 1740—1770 erbaut, Solitude 
1763, Hohenheim 1768, endlich in dem eleganten Schlösschen Monrepos, das erst von König 
Friedrich vollendet wurde. Ich füge zum Schluss noch das jetzige Ministerium des Aus 
wärtigen an, das 1720 von Eberhard Ludwig erbaut, unter Carl Eugen der Gräfin Fran- 
ciska von Hohenheim übergeben und 1816 zum Erbprinzenbau bestimmt, die Fortführung 
des im Palais des Prinzen Friedrich und im einstigen Gymnasialgebäude repräsentirten Zopf- 
styls darstellte. . 
Dabei bestand nun unter Herzog Carl (f 1793) die eigentümliche Uebung, ganze Ge 
bäude von auswärts nach Stuttgart zu versetzen (Zeltstyl). So wurde im Jahr 1775 die nach 
mals so berühmt gewordene Carlsakademie von der Solitude hieher verlegt und durch Ober 
baudirektor Fischer vergrössert (in der officiellen Beschreibung der Einweihungsfeierlichkeit 
wird der Bau in seinem Aeussern als Muster „edler Simplicität“ gepriesen); 1779 wurde das 
Comödienhaus in Teinach nach Stuttgart verbracht, und endlich diesen Vorgängen folgend 
1805 das von Herzog Carl auf der Solitude gegründete Marstallgebäude in seiner ganzen 
Ausdehnung in die neugegründete Königsstrasse verpflanzt. Schliesslich mag das Waisenhaus, 
im Jahr 1710 gegründet, mit den letztgenannten Bauten zusammen uns ein lebendiges Bild des 
um diese Zeit die Stuttgarter Bauentwicklung beherrschenden vereinfachten Barokstyls geben. 
Mittlerweile waren anderwärts, in Italien, Frankreich und Deutschland seit der Mitte des 
vorigen Jahrhunderts ernstliche Versuche zur Erneuerung des klassischen Styls gemacht 
worden, aber, wie in der Regel ein Gegensatz den andern hervorruft, so folgte auf den über 
triebenen Schwulst des Rococo zunächst die trockene und pedantische Nachahmung der Einfach 
heit der Antike. Aus dieser Zeit stammen die sogenannten klassischen Kaisermöbel im innern 
Theil des K. Residenzschlosses. 
In der Baugeschichte Stuttgarts zeigt sich diese beinahe aller Dekoration entbehrende
	        

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