Volltext : Jahres-Bericht der Königlichen Polytechnischen Schule Stuttgart (1868/69)

Hochverehrte  Versammlung!

Lassen  Sie  uns  heute  von  dem  ehemaligen  Lust  haus  sprechen,  einem  der  schönsten
Monumente  der  Früh-Renaissance,  dessen  Untergang  in  der  That  sehr  zu  beklagen  ist  und
dessen  genauere  Schilderung,  wie  ich  sie  auf  Grund  von  Urkunden  und  Zeichnungen  zu  geben
versuche,  Ihnen  die  reiche  Schönheit,  welche  dem  Styl  jener  Periode  eigen  war,  lebendig  zum
Bewusstsein  bringen  wird.
Ehe  ich  indess  auf  die  Einzelschilderung  des  Bauwerks  eingehe,  gestatten  Sie  mir,  Sie
kurz  an  die  besonderen  Bedingungen  und  Zeitverhältnisse  zu  erinnern,  unter  denen  der  Renaissance-Styl
  ins  Leben  getreten  ist.
Der  gothische  oder  germanische  Baustyl  war  der  Styl  der  Erhabenheit  und  entsprach
dem  tiefreligiösen  Geiste  der  Zeiten  von  1250—1450.  Wer  von  uns,  der  die  Kirche  von
Wimpfen  im  Thal,  die  Liebfrauenkirche  in  Esslingen,  den  Ulmer  Münster,  den  Dom  in  Köln
gesehen,  könnte  diesen  Zug  der  Andacht  verkennen?  Es  war  das  Streben  nach  einem  Höheren,
Ueberirdischen,  dem  der  gothische  Styl  mit  seinem  vollendeten  Pfeiler-  und  Gewölbebau  den
wahren  Ausdruck  verlieh.
Die  Buchdruckerkunst  wurde  erfunden,  Amerika  entdeckt,  Luther  begann  seine  Reformation, ­
  die  Gelehrten  reisten  zu  Land  und  See  in  alle  Welt  hinaus,  Akademien  entstanden,
gelehrte  Gesellschaften,  Bibliotheken  wurden'gegründet.  Kurz,  dem  menschlichen  Geist  wurde
sein  Gehäuse  zu  enge  und  damit  änderte  sich  auch  der  Baustyl.
Darum  sehen  wir  im  16.  Jahrhundert  die  Renaissance  entstehen,  gleichsam  als  Spiegel
einer  wiedergeborenen  Zeit.  Sie  ergriff  von  dieser  Welt  mit  heiterem  Selbstgefühl  Besitz.
Diese  Rückkehr  zur  harmonischen  Ausbildung  des  eigenen  Innern  und  zur  Natur  verlangte  einen
anderen  Ausdruck  in  der  Formensprache.  Bei  den  Griechen  und  Römern,  bei  welchen  schon
einmal  alle  Anlagen  des  menschlichen  Geistes  ein  frei  in  sich  befriedigtes  Dasein  geschaffen
hatten,  fand  sie  einen  sicheren  Führer.  Nicht  blos  Poesie  und  Wissenschaft,  auch  die  Architektur
            
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