Volltext : Jahres-Bericht der Königlichen Polytechnischen Schule Stuttgart (1868/69)

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und  ihre  Schwesterkünste,  Malerei  und  Bildnerei,  griffen  frühzeitig  zu  den  Alten  zurück.  Man
fand,  dass  den  Werken  der  Antike  immergültige,  in  sich  vollendete  Formen  für  gewisse,  im
Wesen  der  Architektur  selber  begründete  Gesetze  eigen  seien.
Dieser  Eenaissance-Styl  der  Periode  von  1450  bis  1550  ist  eine  Verbindung  der  Lehren,
welche  der  gothische  Pfeiler-  und  Gewölhehau  und  die  gothischen  Gliederungen  gegeben  haben,
mit  den  griechisch-römischen  Formen.
Die  vielen  Privatbauten,  Paläste,  Gemeindebauten  etc.,  mehr  weltliche  als  kirchliche
Aufgaben,  waren  nun  aber  ganz  anderer  Art,  als  die  Griechen  und  Eömer,  als  die  Baumeister
des  Mittelalters  sie  zu  lösen  hatten.  Von  einem  Copiren  konnte  daher  bei  den  Architekten  des
15.  Jahrhunderts  keine  Kede  sein.  Sie  waren  bei  ihren  neuen  mannigfachen  Bedürfnissen  auf
eigene  Erfindung  angewiesen,  ln  ihrer  Auffassung  im  Grossen,  in  der  Gruppirung  der  Räume
waren  sie  selbstständig,  zur  Construktion  und  Dekoration  bedienten  sie  sich  in  freiester  Anwendung ­
  der  gothischen,  wie  der  römischen  Bauweise.  Sie  hatten  an  den  gothischen  Domen,
an  welchen  der  christlich  mittelalterliche  Geist  seinen  höchsten  Ausdruck  fand,  gesehen,  dass
das  Prinzip  der  vertikal  gen  Himmel  aufstrebenden  Linie  in  seiner  äussersten  Consequenz  verderblich ­
  war.  Die  allen  Einflüssen  der  Witterung  blosgelegten  wichtigsten  Construktionsstücke,
die  Pfeiler  und  Strebebogen,  durchbrochene  Thurmdächer  etc.  mussten  fortwährend  ausgebessert
werden,  während  römische  Bauwerke  ohne  Unterhaltung  Jahrhunderten  trotzten.  Diese  Lehren
gingen  an  den  Baumeistern  des  15.  Jahrhunderts  nicht  fruchtlos  vorüber,  und  sie  suchten  das
in  der  Gothik  zur  äussersten  Consequenz  getriebene  Prinzip  zu  vermeiden.  Sie  erkannten,
dass  die  Schönheit  eines  Baues  nicht  allein  in  der  gefällig  ausgebildeten  Construktion  liege,
sondern  dass  gleich  der  schönen  Oberfläche  des  menschlichen  Körpers,  in  welcher  der  Knochenbau ­
  sich  verhüllt  und  doch  sich  ausspricht,  die  architektonische  Form  ein  selbstständiges  künstlerisches ­
  Gebilde  sei,  das  den  Kern  bekleidet  und  wie  aus  innerem  Trieb  die  zu  Grunde  liegende
Gestalt  zu  freier  Erscheinung  bringen  muss.  Das  ist  die  Wiedergeburt  der  Baukunst,
die  Renaissance!
Bei  Beginn  der  Renaissance  bis  zum  Anfang  des  IG.  Jahrhunderts  nimmt  man  noch
das  Suchen  nach  diesem  Endziele  der  Baukunst  wahr,  in  der  Mitte  des  16.  Jahrhunderts,  insbesondere ­
  in  Italien  finden  wir  vollständige  Harmonie  von  Hauptform  und  äusserer  Hülle  oder
Dekoration.
Gehen  wir  nun  nach  dieser  Charakterisirung  der  Renaissance  zu  näherer  Beleuchtung
unseres  Lustliauses  über  und  betrachten  wir  den  gemischten  Styl  der  Früh-Renaissance  in
seinen  Vorzügen  und  Schwächen  etwas  näher  au  diesem  concreten  Beispiele.
Zum  richtigen  Verständniss  dieses  Lusthauses  müssen  wir  aber  mit  einem  Bau  beginnen,
            
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