Volltext : Die Farbige Stadt (Jhg. 8, 1933-34)

gemacht werden, Etwa vorhandene Deckleisten werden
 gar nicht oder nur sehr vorsichtig vom Ton
der Verbretterung abgesetzt, um dem Hause kein
gestreiftes Aussehen zu geben. So wie dem Putzbau
 kommt es auch dem holzverkleideten Haus zugute,
 wenn der Grundton der Verschalung sich
deutlich von der Farbe des Daches absetzt, sei es im
Ton, sei es im Helligkeitsgrad. Folgende Farbverbindungen
 sind wirkungsvoll:
C. Der überstrichene Backsteinrohbau.
Der Backsteinrohbau wird im allgemeinen nur
aus technischen Gründen gestrichen. Ist es nur ein
Teilanstrich (der Wetterseite), so nähert man den
Ton des Anstriches der natürlichen Färbung des
Mauerwerks an, ohne jedoch die Fugen hell oder
dunkel nachzuziehen. Eine bewußte Imitation ist nur
dann unvermeidlich, wenn es sich um ein kleineres

Vom Kasein zum Membranit
Die Entwicklung der modernen Emulsionstechnik

Vor etwa 50 Jahren hat man Leinölemulsionen auf
Kaseinbasis in die Anstrichtechnik eingeführt. Man stützte
sich dabei auf die Erfahrungen, die man einerseits mit
der äußerst haltbaren Kaseinkalktechnik, andererseits mit
der sogenannten Temperamalerei gemacht hatte, einer
Technik, die sich bekanntermaßen auch der Emulsionen
bedient. Zu Grunde lag der Gedanke, das Kasein, das sich
im Kaseinkalk so sehr bewährt hatte und auch für sich
allein gut wasserechte Anstriche ergibt, der Wandbehandlung
 in einer Form nutzbar zu machen, die auch das’
Arbeiten auf trockenen Wänden gestattet, die keine namhaften
 Mengen von freiem Aetzkalk mehr enthalten.
Durch Einverleiben von trockenem Oel, z. B. Leinöl in die
Kaseinlösung, also durch Herstellung einer Kasein-Oelemulsion
 gedachte man, ähnlich wie bei der Temperatechnik,
 den optischen Charakter dem der vertiefenden
Oeltechnik zu nähern und zugleich die Wasserechtheit
derart zu erhöhen, daß sie der des Kaseinkalks nahekommen
 sollte. Was damals versucht wurde, ist in ziemlich
 weitgehendem Maße gelungen. Präparate wie Richards
Kasein “haben sich so gut bewährt, daß sie heute noch
im Handel sind. Allerdings sind diese Bindemittel in ihrem
ganzen Charakter noch vollkommen den wässrigen zuzuzählen,
 Sie ergeben matte, poröse, wenn auch gut wasserund
 wetterechte Anstriche. Das, was die alte Temperatechnik
 erreicht hat, den Oelcharakter nach dem Trocknen,
ergeben diese Kaseinemulsionen nicht. Denn sie enthalten
nur so wenig Oel, daß es auch nach dem Trocknen nicht
zu einer einheitlichen, geschlossenen Oelschicht werden,
kann. Es tritt, wie der Chemiker sagt, keine „Phasenumkehr‘
 ein, durch die das Oel zur geschlossenen Phase
wird. Darum erfüllen diese Emulsionen zwar auf trockenen,
aicht zu glatten Putzen und auf ungehobeltem Holz sehr
zut ihren Dienst, erweisen sich aber auf glatten Gründen,
insbesondere wenn diese noch einigermaßen fett sind (z. B.
alte Oelfarbenanstriche) als wenig haftfest und wetterecht.
Fügt man diesen Emulsionen aber willkürlich noch namhafte
 Mengen Oel zu, um die Phasenumkehr zu erreichen,
so läßt ihre Streich- und Verarbeitungsfähigkeit nach.
Anfänglich mit großes Skepsis aufgenommen, haben
sich die „Kaseine‘ bald sehr gut eingebürgert und damit
ist die Emulsionstechnik Allgemeingut geworden. Wie Pilze
schossen nunmehr die Handelspräparate mit mehr oder
weniger fanatischen Namen aus der Erde, vielfach wertlose
 Nachahmungen der Standardprodukte, zuweilen aber
auch Versuche der Verbesserung durch Wahl anderer
Emulsoide, die dann ganz oder teilweise an Stelle deg
Leinöls traten. So wurde insbesondere das in der Lacktechnik
 so sehr geschätzte, weniger als das Leinöl quellende
und wetterbeständigere Holzöl verwendet (z. B. im
Rockenit), wobei allerdings vielfach der Fehler begangen
wurde, rohes Holzöl statt Dicköl zu nehmen. Auch Harzseife
 wurde zugefügt. Schließlich wurde versucht, dem
Maler und Anstreicher das bisher stets teigförmige Maerial
 dadurch arbeitsgerechter zu machen, daß man es
n dünnflüssiger Form lieferte. Das erste Produkt dieser
Art ist das viel verwendete Demiol.

Stück der Hausseite handelt, Beim vollkommenen
Anstrich des Rohbaues ist man in der Wahl des
Grundtones ebenso frei wie beim Putzbau. Warme
Töne (bräunliches und rötliches Gelb, gelbliches und
‘ötliches Braun, Gelbrot, gelbliches mattes Grün)
iind zu bevorzugen. Neutral grauer und rein weißer
Anstrich kann unter Umständen (vergl. A 2) auch
peim Backsteinrohbau am Platze sein. Backsteinroten.
 Anstrich dagegen vermeiden! Ein roter Anstrichton
 darf nicht verwechselt werden mit der
ıatürlichen Färbung des Backsteins. Sind beim Rohjau
 Architekturgliederungen im Gegensatz zur
Mauerfläche verputzt oder aus Naturstein gearbeitet
;o darf man Backstein und Putz bzw. Naturstein
ıicht in einem Ton überstreichen. Man setze vielnehr
 die Gliederungen nach den unter A 6 dargeegten
 Gesichtspunkten ab.

Von Prof. Dr. Hans Wagner, Stuttgart
Auf der anderen Seite erschien es oft auch zweck«
näßig, dem Maler ein festes Produkt an die Hand zu
zeben, das er sich an Ort und Stelle selbst zur Emulsion
‚erarbeiten kann. Das dünnflüssige Demiol wurde sehr
zünstig aufgenommen, sodaß es viele Nachahmer fand.
/on den in der Folgezeit erschienenen flüssigen Präparaten
st das Caparol insofern besonders bemerkenswert, als es
ich als Emulgator nicht des Kaseins, sondern des Leims
yedient und trotzdem infolge Formaldehydhärtung vor-‚üglich
 wasserechte Anstriche liefert.
Inzwischen hatte sich die Wissenschaft mehr und
nehr auch der technischen Probleme angenommen und
nan lernte erst dadurch, haltbare, sich nicht entmischende
ınd nicht klebende Emulsionen herzustellen auch mit
;toffen, die man bisher vermied, und vor allem mit Mengen
ın emulgierten Körpern, wie man sie bisher nicht in eine
‚raktisch brauchbare Emulsion hineinbringen konnte. Die
Wissenschaft nahm sich also auch dieses Industriezweiges
n und gab damit Anlaß zu einer äußerst fruchtbaren
Veiterentwicklung. Damit konnte dem bisher nicht geästen
 Problem näher getreten werden, eine Phasenumkehr
ıeim Trocknen zu erreichen, d. h. zu erreichen, daß das
uerst nur in Form feinster Tröpfchen vorhandene Emuloid
 (Oel, Lack) nach dem Trocknen die geschlossene
’hase, eine zusammenhängende Schicht, einen Film bildet,
vie wir ihn stets bei Oel- und Lackfarben beobachten.
Var das erreicht, so war es gelungen, auch mit wässeriger
«nreibung, wenn gewünscht, einen Anstrich vom optischen
.harakter der Oelfarbe herzustellen und zugleich die
Wetterbeständigkeit über diejenige des nporösen Kaseinınstrichs
 hinaus zu erhöhen.
_ Tatsächlich ist das auch gelungen, und zwar in
xinem Umfang, wie man es zur Zeit des „Kaseins‘“ wohl
ıicht geahnt hat. Man hat die nun auftretenden Proiukte,
 deren Wesen also in einem Reichtum an emulgierten
;toffen und damit in der einheitlichen Filmbildung nach
lem Trocknen besteht, zum Unterschied von den alten
Caseinemulsionen als „Wasserlacke‘“ bezeichnet und danit
 ihr Wesen ganz gut gekennzeichnet (z. B. Sichol).
Jenn es sind wäsrige, mit Wasser verarbeitbare Bindemittel
‚or und sind mit Glanz stehende Lacke nach dem Trocknen,
Der erste Weg zur Vervollkommnung der Emulsionen,
zur Herstellung der vorzüglich A Wasserlacke
var also die durch die moderne Kolloidchemie aufs
tärkste geförderte Technik des Emulgierens. Der zweite
Veg war der der Verwendung synthetischer, also künstlich
‚ergestellter filmbildender Stoffe als Emulsoide. In ihren
\Ikydalen hat die I. G. Farbenindustrie zum Emulgieren,
sanz besonders geeignete Stoffe gefunden, die Filme von
‚ußerordentlicher Haftfähigkeit, Festigkeit, Härte und
Xasserechtheit bilden. Und mit ihrer Einführung erscheint
{as Problem der Emulsionstechnik in weitgehendem Waße
velöst, erscheint ein Höhepunkt erreicht, der den Anvendungsbereich
 dieser Technik im Innen- und Außenınstrich
 erheblich erweitert,
(Schluß folgt.)

A
            
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