Full text: Die Logik der Dichtung

115 
zuklären: ein Satz, der lautet »sie erinnerte sich in diesem Augenblick an die 
Worte, die sie zu ihm gesagt hatte« (Musil), erweist sich unmittelbar als Roman 
satz, als Satz des fiktionalen Erzählens, und nicht einer Aussage. Nur in einem sol 
chen können Verben der inneren Vorgänge Vorkommen, die denn, wie gezeigt 
wurde, das mit dem epischen Erzählen elementar mitgegebene Mittel sind, 
Menschen als denkende, fühlende, sich erinnernde, in dem Jetzt und Hier ihres 
Lebens und Erlebens, in ihrer Ich-Originität, und das heißt der Subjektivität 
ihres Subjektseins zu schildern, und zwar eben Menschen als dritte Personen. 
Die epische Fiktion ist der einzige sowohl sprach- wie erkenntnistheoretische 
Ort, wo von dritten Personen nicht oder nicht nur als Objekten, sondern auch 
als Subjekten gesprochen, d. h. die Subjektivität einer dritten Person als einer 
dritten dargestellt werden kann. Darum sind es, umgekehrt betrachtet, eben 
die fiktiven Personen, die dem Erzählen der erzählenden Dichtung die Struktur 
der Aussage nehmen, d. h. zwischen dem Erzählen und dem Erzählten keinen 
Relations-, sondern einen Funktionszusammenhang herstellen. Und dies be 
sagt, daß, wie an dem Beispielsatz aus den »Buddenbrooks« gezeigt wurde, 
der Autor einer erzählenden Dichtung nicht das Aussagesubjekt des Er 
zählten ist. 
Das Problem oder, sagen wir anspruchsloser: der Terminus Erzähler muß 
hier kurz erörtert werden, ein Terminus, der zweifellos deshalb einige Ver 
wirrung geschaffen hat, weil der Strukturunterschied zwischen der Aussage, 
als einer Subjekt-Objekt-Relation, und dem fiktionalen Erzählen, als einer 
Funktion, nicht beachtet worden war. Gewiß ist es terminologisch bequem, 
sich bei der Beschreibung einer erzählenden Dichtung des personifizieren 
den Ausdrucks zu bedienen. Denn von allen Kunstmitteln erweckt oder kann 
das Erzählen am meisten den Anschein einer >Person< erwecken, die sich nicht 
nur zu den von ihr erschaffenen Figuren, sondern auch zu dem Leser in ein 
Verhältnis setzt. Nur scheinbar weicht man der Personifizierung des >Erzählers< 
aus, wenn man einen >fiktiven Erzählen aufstellt, um eine biographische Identi 
tät mit dem Autor zu umgehen. Einen fiktiven Erzähler, der, wie es offenbar 
vorgestellt wird, als eine Projektion des Autors aufzufassen wäre, ja als »eine 
vom Autor geschaffene Gestalt« (F. Stanzel), gibt es nicht, gibt es auch in den 
Fällen nicht, wo durch eingestreute Ich-Floskeln wie ich, wir, unser Held u. a. 
dieser Anschein erweckt wird, wie wir im folgenden eingehend erörtern 
werden. Es gibt nur den erzählenden Dichter und sein Erzählen. Und nur dann, 
wenn der erzählende Dichter wirklich einen Erzähler >schafft<, nämlich den 
Ich-Erzähler der Ich-Erzählung, kann man von diesem als einem (fiktiven) 
Erzähler sprechen. Der Romancier und Romantheoretiker Michel Butor, Ver
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.