Full text: Die Logik der Dichtung

116 
treter des nouveau roman, reserviert denn auch den Begriff des Erzählers für 
den Ich-Erzähler und nennt, fast überraschenderweise, aber unsere Theorie 
bestätigend, die Er-Erzählung einen »Bericht ohne Erzähler« 92 . Doch ist in 
der traditionellen Rede vom Erzähler ein Er-Erzähler gemeint. Und was nun 
diesen Terminus betrifft, so ist es für die Beschreibung des Dichtungssystems, 
die Erkenntnis seiner sprachtheoretisch strengen Ordnung zweckdienlich, 
wenn man den Begriff des Erzählers nicht mit der verwirrenden Zweideutigkeit 
belastet, ihn sowohl für den Epiker wie für das erneiv verwendet, sondern 
ihn allein für den ersteren reserviert. Er ist gleichzuordnen den Begriffen 
Dramatiker, Lyriker, ja weiterhin Maler, Bildhauer, Komponist—, d. h. als 
Bezeichnung der Kunstart, die ein Künstler vertritt, aber nicht des Kunst 
mittels, dessen er sich bedient. 
Die Rede von der »Rolle des Erzählers« ist denn auch in der Tat ebensowenig 
sinnvoll wie es die von der Rolle des Dramatikers oder Malers wäre. Über die 
für ihre Zeit höchst bedeutsamen und literaturtheoretisch fortschrittlichen 
Erkenntnisse, die Käte Friedemann in ihrem bekannten Buche mit diesem Titel 
(1910), in Opposition gegen die Spielhagensche >Objektivitätstheorie<, ent 
wickelt hat, ist man auch heute nur selten hinausgekommen. K. Friedemann 
hat gewiß den >Erzähler< als »organisch mit der Dichtung selbst verwachsenes 
Medium« richtig bestimmt. Aber weil sie die funktionale Art dieses Mediums 
naturgemäß nicht durchschaut hat, ist es nur scheinbar richtig, wenn sie sagt: 
»Er ist der Bewertende, der Fühlende, der Schauende. Er symbolisiert die seit 
Kant geläufige erkenntnistheoretische Auffassung, daß wir die Welt nicht be 
greifen wie sie an sich ist, sondern wie sie durch das Medium eines betrachten 
den Geistes hindurchgegangen« 93 , oder wenn gar gefragt wird: »Wie gelangt der 
Dichter zur Kenntnis des Seelenlebens der Gestalten ?« 94 Wenn dann dreißig 
Jahre später J. Petersen diesen Aspekt so ausmalt, daß er den Erzähler mit einem 
92 M. Butor, Der Gebrauch der Personalpronomen im Roman (in: Repertoire 2, München 
1965): »Wenn ein Bericht ganz bei der dritten Person bleibt (außer in den Dialogen natürlich), 
bei einem Bericht ohne Erzähler, spielt der Abstand zwischen den erzählten Ereignissen und 
dem Augenblick, da sie erzählt werden, keine Rolle« (S. 97). Damit stellt Butor, als weitere 
willkommene Bestätigung unserer Dichtungstheorie, den Zusammenhang zwischen der fik- 
tionalen Erzählfunktion und der Zeitlosigkeit der Fiktion fest, wie er denn auch an dieser 
Stelle fortfährt: »Die Zeit, in der er (der Bericht) abläuft, ist also indifferent gegenüber seiner 
Beziehung zur Gegenwart; es ist eine Vergangenheit, die vom Heute ganz abgeschnitten ist, 
doch die sich nicht mehr weiter entfernt, es ist ein mythischer Aorist, im Französischen das 
Passe simple.« 
93 K. Friedemann, Die Rolle d. Erzählers in der Epik, Leipzig 1910 (Neudruck 1967), 
S. 26 
94 Ebd., S. 77
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.