Full text: Die Logik der Dichtung

Diese Stelle ist von ähnlicher Art wie die Wilhelm-Meister-Stelle. Auch hier 
geht die Erzählung von der unmittelbaren Bezugnahme auf die Person Ulrich 
in eine Erörterung allgemeiner Verhältnisse und Probleme über, etwa von 
dem Satze an: »Ganz einfach gesprochen, man kann sich zu den Dingen, die 
einem widerfahren, oder die man tut, mehr allgemein oder mehr persönlich 
verhalten.« Wir bemerken einen gewissen Unterschied zwischen dem älteren 
und dem modernen Text. Er besteht darin, daß in dem letzteren die allgemeinen 
Reflexionen gewissermaßen enger und inniger mit der Person Ulrich Zusam 
menhängen scheinen als diejenigen des Wilhelm-Meister-Textes mit der Person 
Wilhelm. Obwohl in den späteren Sätzen der Musilstelle an sich ebensowenig 
wie in der Goethestelle Bezug auf die Gedanken der geschilderten Person 
genommen ist, erscheinen sie dort doch mehr als Ulrichs Gedanken, als die 
Sätze der Meister-Stelle als diejenigen Wilhelms erscheinen. Aber dieser Unter 
schied ist kein prinzipieller, sondern nur ein solcher des Stils. Er verrät uns 
unmittelbar, daß der Musilsche Roman moderner ist als der Goethesche. Wir 
wiesen schon mehrfach darauf hin, daß die Mittel der fiktionalisierenden 
Schilderung sich im Laufe des 19. Jahrhunderts immer feiner ausgebildet 
hatten, die Darstellung des inneren Daseins immer mehr mit den Mitteln 
direkter Subjektivierung der Gestalten arbeitete, das heißt die fiktive Ich- 
Originität der fiktiven Personen immer deutlicher herausgebildet wurde bis zu 
den kühnen Mitteln eines Joyce. Wenn aber auch der Satz »Wilhelms Gedan 
ken wandten sich nun bald auf seine eigenen Verhältnisse und er fühlte sich 
nicht wenig beunruhigt« mehr den Stil einer Aussage im eigentlichen Sinne 
hat als der Satz: »Wenn Ulrich hätte sagen sollen, wie er eigentlich sei, er wäre 
in Verlegenheit geraten . . . War er ein starker Mensch ?«, so ist der Unterschied 
doch nur graduell. Es liegt nur an dem Stil des Erzählens, daß wir den zweiten 
Satz nicht ebenso wie den ersten auch in eine Wirklichkeitsaussage hinein 
setzen können. Der Stil des fiktionalen Erzählens tritt in ihm sogleich in die 
Erscheinung. Aber trotzdem ist der Wilhelm-Meister-Satz von gleicher struk 
tureller Beschaffenheit. Auch er weist bei genauem Zusehen schon die Merk 
male des fiktionalen Erzählens auf, die nicht in einer Wirklichkeitsaussage 
möglich sind, wie »er fühlte sich nicht wenig beunruhigt« (die als Aussage das 
Verb »fühlte« in »war« verändern würde). Das Verb des inneren Vorgangs 
zeigt Wilhelm in dem fiktiven Jetzt und Hier seines fühlenden, denkenden 
Lebens, nur in weniger starker Ausgestaltung als es die Form des modernen 
Romans tut. Das heißt: die Gestalt erscheint weniger subjektiviert als die 
Ulrichs. Deshalb erscheinen die weiteren Betrachtungen der Goethestelle los 
gelöster von der Gestalt als bei Musil, >objektiver<, wenn man will, weil auch
	        

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