Full text: Die Logik der Dichtung

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nicht immer deutlich von der >Stimme des Erzählers< unterscheiden läßt, d. h. 
die Grenze, wo dieser sozusagen zu reden aufhört und sein Wort an die Gestal 
ten abgibt, nicht immer genau anzugeben ist 104 . Die Untersuchungen, die über 
das Vorkommen dieser Form in der mittelalterlichen Dichtung gemacht worden 
sind 105 , mußten sich gerade auf dieser Grenze bewegen, weil dort zweifellos 
die erlebte Rede noch nicht zu einer bewußten Technik ausgebaut war, sondern 
gewissermaßen dem Erzähler unterlief. Sie konnte ihm aber nur darum unter 
laufen, weil auch der Erzähler der mittelalterlichen Epen — eine fiktionale 
Erzählfunktion ist. So hat auch E. Lerch darauf aufmerksam gemacht, daß in 
der Wiedergabe der bewußten oder unbewußten Gedanken der Romanperso 
nen die interpretierende Stimme des Erzählers fast unmerklich mit hineintönt, 
indem er ihre Gedanken dennoch mit seinen Worten denkt 106 . In der Tat ge 
nügt es keineswegs, die erlebte Rede dadurch zu charakterisieren, daß man sagt, 
sie sei ein Mittel, die stummen Gedanken, den Bewußtseinsstrom der Per 
sonen 107 von deren Blickpunkt her darzustellen. Gewiß gibt es Formen, wo 
dies der überwiegende Eindruck ist, der hervorgerufen wird: 
The way she said »Here is my Elizabeth I« — that annoyes him. Why not >here’s Elizabeth« 
simply ? It was insincere. And Elizabeth didn’t like it either. For he understood young people; 
he liked them. There was always something cold in Clarissa, he thought . . . 
(Virginia Woolf, Mrs Dalloway) 
Aber die Schicht, die die erlebte Rede einnehmen kann, ist oft auch sehr viel 
breiter, sie kann so umfassend sein, daß sie überhaupt die Erzählfunktion aus 
machen kann und es unentscheidbar ist, wo sozusagen die Grenze abzustecken 
ist, die das >Innere<, die seelischen Vorgänge, die sich in dieser Darstellungs 
form vor uns entwickeln, gegen ein Außen, d. i. ein objektivierendes Inter 
pretieren, trennt. Unser Musil-Beispiel zeigt dies Phänomen sehr deutlich auf. 
Die allgemeinen Betrachtungen, die sich nicht, wie in dem obigen Text, mit 
einer der Romanperson nahestehenden anderen Person beschäftigen, sind zu 
gleich die Ulrichs und des Erzählers sc. des Autors. Aber sie sind die des Er 
zählers nur darum, weil sie die Ulrichs sind, d. h. dazu dienen, seine innere 
und äußere Situation zu gestalten. Ein weiteres Kriterium dafür, daß wir es 
nur mit dem Erzählen selbst und nicht mit einem Erzähler zu tun haben. 
Worauf es hier ankommt, ist, einsichtig zu machen, daß die erlebte Rede das 
Wesen des fiktionalen Erzählens als einer Funktion und nicht als einer Aussage, 
104 E. Lerch, Die stilistische Bedeutung des Imperfekts der Rede (GRM VI, 1914, S. 470ff.) 
105 W. Günther, Probleme der Rededarstellung, Marburg 1928 
106 Lerch, a. a. O., Anm. 49. D. Cohn unterscheidet sehr gut ironische Gestaltung von 
ernstgemeinter (a. a. O., S. 11). 
107 R. Humphrey, Stream of Consciousness in the Modern Novel, Berkeley 1954
	        

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