Full text: Die Logik der Dichtung

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rekte, erlebte Rede usw. zusammen. Sie fließen in demselben Maße zur Totali 
tät des Erzählens wie des Erzählten zusammen, weil das Erzählen das Er 
zählte, das Erzählte das Erzählen ist. Und nur ein stilistischer aber kein struk 
tureller Unterschied ist es, welches der erzählenden Elemente in einer er 
zählenden Dichtung überwiegt und ihr ihren sei es dichtungsgeschichtlich 
oder individuell oder auch nationalsprachlich bedingten Charakter gibt. Im 
Er-Roman des 18. und 19. Jahrhunderts bildet im allgemeinen der Bericht 
die Grundsubstanz des Erzählens, gegen die Dialog und Monolog deutlich 
abgesetzt erscheinen. Das Satzbild von Erzählungen etwa Hemingways oder 
Salingers zeigt den Dialog als Grundsubstanz (doch wiederum nicht in der 
Weise wie die Dialogromane Diderots »Jacques le Fataliste« und »Le neveu 
de Rameau«, die deshalb nicht zur Kategorie des Romans, der epischen Fiktion 
gehören, weil, strukturell ähnlich wie die philosophischen Dialoge von Plato 
bis Hemsterhuys, die verschiedene Themen erörternden oder Anekdoten 
berichtenden Dialoge hier keine fiktionale, fiktive Personen gestaltende Funk 
tion haben). Es gibt Erzählungen, die wie z. B. H. E. Nossacks »Unmögliche 
Beweisaufnahme« sich in vorwiegend indirekter Redeform aufbauen, während 
die erlebte Rede, der monologue intérieur indirect noch den Roman Nathalie 
Sarrautes beherrscht. Überall aber handelt es sich um den Grad der Dosierung 
der Elemente des fluktuierenden Erzählens, deren Zahl an den Fingern einer 
Hand abzuzählen ist. Und es bedarf der Erwähnung nicht, daß eben das Vor 
wiegen dieses oder jenes Elements seine Bedeutung für Sinn und Art der je 
weiligen Erzählung hat 108 . 
So können wir nun, unsere Untersuchungen über das fiktionale Erzählen 
zusammenfassend, sagen, daß das Erzählen (des erzählenden Dichters oder 
108 Eine sozusagen unbeabsichtigte Bestätigung für das Fluktuieren der Erzählfunktion 
und ihre dichtungstheoretische Einheitlichkeit ist die bereits erwähnte eindringliche, viele 
feine Beobachtungen liefernde Arbeit von F. Stanzel: »Die typischen Erzählsituationen im 
Roman«. Gerade indem hier besonders scharf Romantypen »auktorialen« Charakters (wo 
die Erzählperson berichtend und kommentierend sich bemerkbar macht) von »personalen« 
Typen unterschieden werden (wo der Blickpunkt in die Romanpersonen verlegt ist wie im 
Dialog, erlebter Rede usw.), kann der Verf. nicht daran vorbeisehen, daß eben in jedem 
Roman beide Situationen auftreten, wenn auch, je nach Zeit- und Autorstil, in verschiedenen 
Dosierungen. »Ähnlich wie im Ich-Roman«, gesteht der Verf. etwa zu, »wird auch im perso 
nalen Roman eine Neigung dazu sichtbar, auktoriale Elemente in die personale Erzählsitua 
tion aufzunehmen« (S. 93) und »kann umgekehrt schon bei der Lektüre eines auktorialen 
Romans beobachtet werden, daß nicht selten eine vollständige Vergegenwärtigung des Er 
zählten ähnlich wie bei personaler Erzählsituation eintritt. Dies geschieht z. B. in längeren 
Dialogszenen . . .« (S. 94). Vgl. auch S. 48. Dies sind denn nun freilich Fakten, die eben nicht 
nur als Fakten hingenommen werden dürfen, sondern als Symptome zu beachten sind, daß 
es sich mit dem »auktorialen Erzähler« komplizierter verhält, als gewiß oftmals unmittelbar 
aus den Texten abzulesen ist.
	        

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