Full text: Die Logik der Dichtung

sage aber nicht darstellend ist, wie wir unten eingehend zeigen werden). 
Zusammenordnungen von Dramatik und Lyrik gegenüber der Epik wurden 
von dem Gesichtspunkt der >Gegenwärtigkeit< her unternommen: »Der 
Inhalt eines lyrischen Gedichtes oder eines Dramas ist absolut gegenwärtig, 
nicht bloß betrachtet, sondern vom Dichter oder mir unmittelbar erlebt.« 
E. Winkler, der diese Äußerung von Lipps zitiert, meint dazu freilich, daß 
zwischen Lyrik und Dramatik ein bedeutsamer Unterschied bestehe. Indem 
er aber diesen Unterschied als einen solchen der »Gattung des Gefühls 
erlebens« feststellt — lyrisches Gefühlserleben ist zuständliches, dramatisches 
Gefühlserleben ist bewegtes, dynamisches 115 —, stellt er dennoch eine Zu 
sammenordnung von Lyrik und Dramatik her, die phänomenal keineswegs 
begründbar zu sein scheint. 
Daß Epik und Dramatik auf Grund ihres mimetisch-fiktionalen Charak 
ters zusammengehören, ist, wie bereits erwähnt, von der Literaturtheorie 
deshalb nicht gern betont worden, weil die spezifischen ästhetisch-techni 
schen Eigenschaften der beiden Formen dadurch verdunkelt werden könn 
ten. Daß aber auch für das epische Dichten der Mimesis-Trieb das Primäre 
ist, nicht aber das Erzählen selbst als eigens ins Auge gefaßte Bewußtseins 
haltung und Situation, ist die strukturelle Einsicht des Aristoteles, die durch 
die Zeiten hindurch zu wenig beachtet worden ist. Nicht zu erzählen um des 
Erzählens willen schickt sich der Epiker an, sondern um etwas zu erzählen, 
um des Erzählten willen. Zitiert sei die bestätigende Auffassung M. Komme 
reils: »Ein Roman hat sein inneres Dasein vor der Sprache. Eh er in Worten 
geschrieben ist, sind die Menschen da, ihr Zusammengehn und der sie mi 
schende Zufall, sind die Räume da mit den bezeichnenden Auftritten und 
Bildern, den unvergeßlichen Rasten des fließenden Geschehens ... « 116 Der 
so beschriebene Prozeß der Konzeption eines erzählenden Werkes gilt zwei 
fellos auch für die eines dramatischen, und so wenig der stilistische Eigenwert 
der Erzählfunktion hinangesetzt werden darf und kann, so wenig darf doch 
verkannt werden, daß auch der erzählende Dichter primär ein >Mimetes< ist 
und erst das Was seiner Erzählung deren Wie bestimmt. Äußerungen von 
Dichtern selbst bestätigen diese letztlich schon aristotelische Einsicht. So hat 
Alfred Döblin »überhaupt keinen Unterschied zwischen Drama und Roman 
anerkannt ... Beider Ziel ist ihm die unmittelbar andrängende Vergegen 
wärtigung« 117 . Aber selbst dann, wenn ein Epiker wie Thomas Mann die 
116 E. Winkler, Das dichterische Kunstwerk, Heidelberg, 1924 
116 M. Kommerell, Jean Paul, Frankfurt 1933, S. 30 
117 Zitiert nach F. Martini, Das Wagnis der Sprache, Stuttgart 1954, S. 354 
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