Full text: Die Logik der Dichtung

Unterschiede zwischen dramatischer und epischer Menschengestaltung, zu 
gunsten der letzteren, eigens feststellt (Versuch über das Theater), spricht 
sich das Bewußtsein aus, als Erzähler mimetisch zu verfahren, wenn auch 
mit anderen Mitteln und unter anderen Voraussetzungen als der Dramatiker. 
Unter dem Gesichtspunkt der Ordnung der Dichtungsgattungen kommt 
es weder auf den jeweiligen Stil noch auf die prinzipielle Mächtigkeit der 
Erzählfunktion an, das äußere und innere Dasein der Gestalten in anderer, 
umfassenderer Weise zur Darstellung bringen zu können als das Drama, 
sondern primär nur auf die spezifisch fiktionale Funktion der Erzählfunktion 
als solcher. Denn der sprachlogische Ort des Dramas im System der Dichtung 
ergibt sich allein aus dem Fehlen der Erzählfunktion, der strukturellen Tat 
sache, daß die Gestalten dialogisch gebildet sind 118 . Die ästhetischen, die 
spezifisch dramatischen Eigenschaften des Dramas ergeben sich aus dieser 
Tatsache in derselben Weise wie diejenigen der epischen Dichtung aus der 
Erzählfunktion. Es ergibt sich daraus die konstituierende Eigenschaft des 
Dramas, aufführbar zu sein. Denn ob nun der rein mimische oder der dich 
terisch mimetische Impuls der Entstehung der Dramenform einmal zugrunde 
gelegen hat: die Beschränkung auf die dialogisch erzeugte Gestaltenbildung 
bringt ihre mimische Möglichkeit mit sich: die als redend und nur als redend 
gestalteten Personen können redend sich selbst darstellen. Mir scheint, daß 
dies nicht nur der dichtungslogische, sondern auch der prädominierende 
phänomenale Gesichtspunkt ist, unter dem dramatische Dichtung, als ge 
lesene wie als aufgefühtte, erlebt wird, nicht aber der häufig hervorgehobene 
und für das Drama mehr als den Roman in Anspruch genommene der >Hand- 
lung<. Denn Handlung ist ein sehr relativer Begriff, der eben in seiner Rela 
118 Wenn wir genau sein wollen, so wäre freilich zu sagen, daß von der fluktuierenden 
Erzählfunktion nur der Dialog als Gestaltungsmittel der dramatischen Fiktion zurückbleibt. 
Denn in der epischen Fiktion ist ja, wie oben gezeigt wurde, der Dialog eine Form der Erzähl 
funktion. Doch würde eine solche Bestimmung nicht nur den Unterschied zwischen der 
epischen und der dramatischen Form der Fiktionsdichtung terminologisch zu stark ver 
wischen, sie ist auch darum nicht recht am Platze, weil der dramatische Dialog dennoch von 
anderer struktureller und stilistischer Art ist als der epische, eben gerade als das einzige 
Gestaltungsmittel andere Funktionen hat als dieser. Auf diesen Unterschied macht auch 
W. Kayser aufmerksam, wenn er bemerkt, daß der epische Dialog »erzählt und nicht darge 
stellt ist« und der Rezitator eines epischen Dialogs darum nicht versuchen dürfe, »die Illusion 
völlig verschiedener Figuren zu erwecken« (Das sprachliche Kunstwerk, S. 182). 
Vgl. dazu B. v. Wiese: »Das Gespräch übernimmt im Drama bestimmte Funktionen, die 
aufs engste mit dem Problem des Handlungsablaufes Zusammenhängen.« (Gedanken zum 
Drama als Gespräch und Handlung, in: Der Deutschunterricht, 1952, H. 2, S. 29.) — »Das 
Drama ist eine Mimesis des Dialogs«, heißt es bei N. Frye (Analyse der Literaturkritik, Stutt 
gart 1964, S. 269). 
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