Full text: Die Logik der Dichtung

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zwischen Handlungs- und Aufführungszeit den kategorialen Unterschied der 
fiktiven und realen Zeit in sich birgt und es demgegenüber ohne Belang ist, 
ob die Differenz zwischen diesen Zeiten Stunden, Tage, Wochen oder selbst 
Jahre ausmacht 135 , ja daß dieser Unterschied auch dann vorhanden ist, wenn 
beide Zeiten zusammenfallen, genauer als zusammenfallend gedacht werden, 
und es eben nur für die Aufführung, nicht aber für die Handlung gilt, daß sie 
so und so lange dauert. Eine Dauer, die ihrerseits nur mit der Uhr festzustellen 
ist und eben deshalb irrelevant ist, weil der Zuschauer ihrer so wenig gewärtig 
ist wie der Leser eines Romans der Zeit, die er zum Lesen braucht 136 . Denn es 
gilt auch für das aufgeführte Drama, nicht nur für das gelesene, dasselbe wie 
für die erzählte Fiktion, daß der es Apperzipierende, also hier der Zuschauer 
mit seiner Ich-Origo nicht in der fiktiven, imaginären Welt anwesend ist, die 
sich vor ihm abspielt, gleichgültig ob vor seinem inneren, bloß vorstellenden 
Auge oder seinem wahrnehmenden. Die physische, wahrnehmbare Form der 
Bühne kann leicht die Einsicht verdecken, daß sie so gut wie ein erzählter 
Schauplatz ein gedachter, imaginärer, fiktiver Raum ist, Raum und Zeit in 
ihrem Bereiche gleichfalls begriffliche und nicht deiktische Form haben. Und 
wenn wir oben, an die Problematik heranführend, zunächst sagten, daß die 
dramatische Gestalt und Welt durch ihre szenische Verkörperung in dieselbe 
physische Wirklichkeit eintritt wie die des Zuschauers, so ist diese Formulie 
rung nun dahin zu modifizieren, daß die an und für sich physische Wirklich 
keit der Bühne dennoch nicht dieselbe ist wie die des Zuschauers als auch 
des Schauspielers selbst. 
Die Problematik, die hierin enthalten ist, hat sich nicht mit der klassischen 
Einheitstheorie erledigt, der sie, auch aus bühnentechnischen Gründen, unbe- 
wältigt zugrunde lag. Obwohl die fortschreitende Bühnentechnik, die durch 
sie entwickelten Möglichkeiten etwa durch Raum- und Beleuchtungseffekte, 
Drehbühne u. a. m. einen Ablauf der imaginären Zeit der Handlung zu illu 
strieren, das Problem der Handlungszeit immer mehr eliminiert hat, ist die 
135 Diesen Denkfehler stellte bereits A. W. Schlegel fest, der anläßlich der Einheitsregeln 
Corneilles sagt: »Denn der einzige Grund der Regel ist ja doch die Beobachtung einer, wie 
man vermeynt, zur Täuschung nothwendigen Wahrscheinlichkeit, daß die vorgestellte und 
die wirkliche Zeit einerley sei. Gibt man einmal zwischen beyden einen Abstand wie den von 
zwei bis dreißig Stunden zu, so kann man mit eben so gutem Fug noch viel weiter gehen. Der 
Begriff der Täuschung hat in der Kunsttheorie große Irrungen angerichtet.« (Vorl. über 
dramatische Kunst und Literatur, Bd. II, hrsg. v. E. Löhner, Stuttgart 1967, S. 22). 
136 Vgl, auch Junghans, a. a. O., Zeit im Drama, S. 16f., 51 f. In diesem Buche ist das drama 
tische Zeitproblem (unterschieden als Zeiterstreckung, Zeitbewältigung und Dauer) an 
reichem Material erschöpfend behandelt, in vieler Hinsicht eine Bestätigung der hier aus 
schließlich von erkenntnistheoretischem Gesichtspunkt behandelten Problemlage.
	        

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