Full text: Die Logik der Dichtung

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Kommerzienrat ins Zimmer tritt, sich aufs Sofa setzt, die Zeitung entfaltet, 
— ebenso >gegenwärtig< wie diejenige zwischen Rebekka West und Rosmer. 
Nicht nur auf der Bühne, wie Thornton Wilder meint, sondern auch im 
Roman, im Epos ist es immer >jetzt< — nur daß wir es dort wahrnehmend, hier 
vorstellend erleben, nicht kraft der Anschauung sondern kraft der Anschau 
lichkeit. Und erst auf dem Wege über eine solche vergleichende Betrachtung 
enthüllt sich, wie es sich mit dem Jetzt (und Hier) der szenisch verkörperten 
dramatischen Welt verhält. Es verhält sich mit ihm nicht anders wie mit dem 
Jetzt und Hier der epischen Fiktion, ebensowenig im Sinne temporaler Gegen 
wart wie dort. Die dramatische Handlung ist jetzt und hier, auch wenn in dem 
ganzen Stücke keine Angaben Vorkommen, die eine fiktive Vergangenheit 
oder Zukunft zu einer fiktiven Gegenwart in Beziehung setzen. Es ist das Jetzt 
und Hier der fiktiven Ich-Origines, auf die das Geschehen der dramatischen 
so gut wie der epischen Fiktion bezogen ist. Und wenn auch die höchst greif 
bare, sinnlich wahrnehmbare Wirklichkeit der Bühne und der Schauspieler es 
zunächst zu verdecken und es gegen unser >sinnliches< Erlebnis zu streiten 
scheint: so ist diese sinnlich wahrnehmbare Wirklichkeit doch ebenso funk 
tionslos als Wirklichkeit wie der grammatische Vergangenheits wert des erzählen 
den Präteritums als Vergangenheit, ist die scheinbare Gegenwart, das Präsens 
der Bühne als temporaler Modus ebenso ungültig wie das fiktionale Präteritum. 
Wie dieses als Morphem verblaßt und nur der Bedeutungsgehalt des Verbs 
selbst relevant für die Erzeugung der fiktiven Welt ist, so ist die Bühne, wie ein 
altes kluges Wort längst festgestellt hat, nur Bretter, die die Welt bedeuten — 
und mit denen auch genau so, wenn auch in einem anderen Medium umge 
gangen werden kann, wie der fiktionale Erzähler, gegen alle grammatischen 
Regeln, mit seinem Präteritum umgeht. Wenn die Gegenwartstheorien die reale 
Gegenwart und Wirklichkeit der Bühne mit der fiktiven Präsenz der drama 
tischen Dichtung verwechselten, die auf ihr gespielt wird, so begingen sie den 
selben Fehler, wie wenn man den Schaupieler mit der Dichtungsgestalt ver 
wechseln würde, die er darstellt. Bühne und Schauspieler gehören freilich wie 
der Zuschauer der Wirklichkeit an; sie ändern sich und vergehen. Mittwoch, 
der 6. Mai 1767 war die Gegenwart der Madame Hensel, die damals auf der 
Bühne des Hamburger Nationaltheaters die Miß Sara Sampson gab, die Gegen 
wart des Theaterkritikers Lessing, der im Parterre saß (Hamburgische Drama 
turgie, 13. Stück). Aber Mellefonts Zimmer im Gasthaus, in das Sara eintritt, 
diese selbst, Mellefont und die übrigen Personen existieren in keiner realeren 
Gegenwart oder Gegenwärtigkeit, als sie in der Form von Romanpersonen 
existieren würden. Analysieren wir unser Erlebnis im Theater genauer, so be
	        

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