Full text: Die Logik der Dichtung

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merken wir, daß wir uns dort ebensogut wie in einer Lesesituation bewußt 
sind, daß das reale Hier und Jetzt der Bühne, und damit unser Hier und Jetzt 
im Zuschauerraum, nicht identisch mit dem fiktiven Hier und Jetzt der Dra 
menhandlung ist. Lebend in der sich abspielenden Handlung vergessen wir 
der Bühne als Bühne ebenso wie wir der Vergangenheitsform der erzählenden 
Verben, ja radikal gesprochen des Erzählens selbst vergessen. Wenn Goethe 
den Unterschied der dramatischen und epischen Darbietungsformen durch den 
Mimen und Rhapsoden kennzeichnete, so tat er dies, weil er sich im Gedanken 
an das homerische Epos den epischen Dichter zugleich als den Vortragenden 
dachte (und damit bereits das Erzählen zum Erzähler personifizierte 141 . Auf 
den Vortrag des Epos, auf den Rhapsoden aber kommt es nicht an (er ver 
schwand mit der Buchdruckerkunst, aber die Form des Epos besteht), sondern 
auf das einelv, als der Funktion, der er sich bedient. Vergleichbar dem epi 
schen Mimetes ist nur der dramatische Mimetes, dem erzählenden der drama 
tische Dichter. Vergleichbar aber dem Erzählen, der mimetischen Funktion des 
epischen Mimetes, ist der Mime, und das heißt nichts anderes als die Bühne 
selbst, die mimetische Funktion, genauer ein Teil der mimetischen Funktion 
des Dramatikers. 
Die Bühne, mitsamt den Schauspielern, ist nur ein Teil der mimetischen 
Funktion des Dramatikers, dessen Dichtwerk ein Sprachwerk ist wie das epi 
sche. Die Bühne aber ist die nicht-literarische Teilfunktion, derer sich das dia 
logisch gebildete Sprachwerk bedienen kann (nicht muß). Sie tritt in der Tota 
lität des szenisch verkörperten dramatischen Werkes für jenen Teil der Erzähl 
funktion ein, der in der Struktur des bloß Gestalten bildenden Dramas wegfällt, 
der körper- und umwelterschaffenden. Sie tritt für diesen Teil der mimetischen 
Funktion nicht im echten literarischen Sinne, sondern als eine Ersatzfunktion 
ein, die nun wie jeder Ersatz aus einem anderen Material als das zu Ersetzende 
besteht. Bühne und Schauspieler sind ein anderes Material oder Medium als 
das der epischen Erzählfunktion, sie gehören nicht wie diese zur Dichtung 
selbst, als deren Substanz, sie sind nicht vom Dichter gestaltet und ausgestaltet, 
ja sie entziehen sich seiner Kompetenz. Eben darum konnte sich diese Ersatz 
funktion zu einer eigenen Kunst, zur Bühnen- und Schauspielkunst, verselb 
ständigen, eben darum die rein dichterische Fiktion mit der physischen Wirk 
lichkeit der Bühne durchsetzt werden, das die Theorien beunruhigende Spiel 
der verschiedenen Zeiten und Gegenwarten auftreten. 
Hier aber liegen nun auch die rein dichtungslogischen Gründe für die ver 
141 Daß Goethe selbst diese allzu starke Personifizierung des Erzählers milderte, wurde 
bereits angeführt (S. 144)
	        

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