Full text: Die Logik der Dichtung

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Erhellung seiner literarischen Struktur anderer literarischer Formen, eben des 
Romans und des Dramas. Dies nun tritt bereits in einer näheren Analyse der 
Situation des Kinobesuchers hervor. Diese ist, wie bereits erwähnt, zweifellos 
die des Zuschauers. Wir sehen und hören. Nun aber tritt das Eigentümliche 
auf, daß wir uns zugleich auch in der Situation des Romanlesers befinden — 
sofern wir nun den Akzent auf den Begriff des Romans, nicht auf den des Lesers 
legen. Denn nicht alles was wir in dem Film sehen, können wir auch auf der 
Theaterbühne sehen; aber wir können es in einem Roman lesen. Wenn etwa 
die Sonne fern am Horizont langsam ins Meer sinkt, wenn ein Flugzeug 
sich vom Boden hebt und am Himmelsraum verschwindet, wenn Paare durch 
weite Säle tanzen, Schneeflocken wirbeln und sich auf Zweige und Gitter 
legen —• dann sehen wir zwar etwas, aber wir sehen etwas, das erzählt ist. Das 
bewegte Bild hat eine Erzählfunktion; es ersetzt das Wort der epischen 
Erzählfunktion. Dies ist der Grund dafür, daß wir im Film reine Milieus ohne 
Personen sehen können, während die Theaterbühne nicht ohne Personen 
gezeigt werden kann. Denn die Bühne hat keine selbständige Funktion inner 
halb des Stückes, das auf ihr gespielt wird. Sie gehört nicht zum Stück selbst, 
ist kein Teil des dramatischen Werks. Aber was wir auf dem Film sehen, 
gehört ebenso ausnahmslos zu diesem wie alles, was wir im Roman lesen, zu 
ihm gehört. Das bewegte Bild, das eine Erzählfunktion übt, rückt den Film 
näher zur epischen als zur dramatischen Fiktion. Wir sehen hier Erzähltes, 
wir sehen einen Roman, wenn wir einen Film sehen. 
Ist diese Definition aber ganz richtig ? Sehen wir nicht doch auch, ja viel 
leicht sogar primär ein Drama, ein Theaterstück, wenn wir einen Film sehen ? 
Ein erweitertes Drama etwa, erweitert um den bilderzählenden Faktor des 
bewegten Bildes? Denn wir sehen ja eben auch gerade das, was wir beim 
Lesen eines Romans nicht erleben, nicht sehen können, wohl aber auf der 
Bühne: sprechende und agierende Schauspieler, dramatische Personen. Seit 
es den Sprechfilm gibt, scheint gerade dieser, der dramatische Aspekt des 
Films besonders deutlich sich ausgeprägt zu haben, und die Filmkunst hat 
seitdem sich auch in reichem Maße der vorhandenen dramatischen Literatur 
bedient: Shakespeares »Hamlet«, »Julius Caesar«, »Sommernachtstraum«, 
Strindbergs »Fräulein Julie« und andere mehr oder weniger weltliterarische 
Dramen sind verfilmt worden. Im Sprechfilm scheint das erzählende Bild 
wirklich nur als erweiterte Bühne zu fungieren und auf beste illusionskräf 
tigste Art und Weise ihre fragmentarische Begrenzung und kulissenhafte 
Wirkung zu verbessern, ihre unnatürliche Raumwirkung durch die natürliche 
zu ersetzen, die das bewegte Bild hervorbringen kann. Aber gerade hier liegt
	        

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