Title:
Die Logik der Dichtung
Creator:
Hamburger, Käte
Shelfmark:
2L 2061(2)
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1464595917209/188/
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der Mimesis, ist. Hier verhindert die unüberschreitbare Grenze, die das fiktio- 
nale Erzählen von jeglicher Wirklichkeitsaussage, und das heißt nichts anderes 
als vom Aussagesystem der Sprache abscheidet, daß Dichtung in die »Prosa 
des wissenschaftlichen Denkens«, d. h. also ins Aussagesystem, übergehen 
kann. Hier wird »gemacht« im Sinne des Gestaltens, des Bildens und Nach 
bildens, hier ist die gestaltenschaffende Werkstatt des Poietes oder des Mime- 
tes, der sich der Sprache als Material und Instrument der Gestaltung bedient, 
wie der Maler der Farben, der Bildhauer des Steins. Die Dichtung steht hier 
ganz im Raume der bildenden Kunst, die den Schein der Wirklichkeit er 
schafft. Daß dieser Schein, das Gesetz der Fiktion in der Dichtung erst wirk 
sam wird, wenn fiktive Personen erschaffen werden, während eine gemalte 
Landschaft sich auch ohne Figuren als Mimesis ausweist — dies hat seine 
Ursache eben in dem besonderen Material der Dichtung, der Sprache, die 
außer im fiktionalen Bereiche das Medium des Sagens (in allen seinen Modi 
fikationen) ist. Ja, wir können das umgekehrt auch so formulieren, daß die 
Sprache überall Aussage ist, wo sie nicht fiktive Ich-Origines gestaltet. Und 
diese Formulierung ist nur darum nicht so zugespitzt, wie sie praktisch er 
scheinen mag, weil durch sie in der Tat die beiden einander entgegengesetzten 
logischen Möglichkeiten ausgedrückt sind, über die das sich sprachlich mani 
festierende Denken verfügt: Aussage eines Subjekts über ein Objekt oder 
aber fiktive Subjekte erzeugende Funktion (in der Hand des Erzählers oder 
des Dramatikers) zu sein. — Die Grenze aber, die diese beiden Funktionen 
trennt, fällt keineswegs mit der Grenze zusammen, die (wie wir oben formu 
lierten) die dichtende Sprache von der nicht-dichtenden trennt. Die dichtende 
Sprache, die das lyrische Gedicht hervorbringt, gehört dem Aussagesystem 
der Sprache zu. Und grundstrukturell ist es schon darin begründet, daß wir 
ein Gedicht in ganz anderer Weise als Dichtung erfahren als eine fiktionale, 
erzählende oder dramatische, Dichtung. Wir erfahren es als Aussage eines 
Aussagesubjekts. Das vielumstrittene lyrische Ich ist ein Aussagesubjekt. 
Wird dies ausgesprochen, so scheint die traditionelle Bestimmung der 
Lyrik als der subjektiven Dichtungsgattung nur bestätigt und damit ein 
Schritt hinter die moderne Beschreibung des Gedichtes als sprachliches Ge 
bilde zurück getan zu sein. Zurück etwa zu Hegel, dem eigentlichen Begründer 
der deutschen Dichtungsphänomenologie. »In der Lyrik«, heißt es bei ihm, 
»befriedigt sich das ... Bedürfnis (des Subjekts), sich auszu sprechen und das 
Gemüth in der Äußerung seiner selbst zu vernehmen.« 145 In diesem Satze ist 
145 Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik, III, S. 422
        

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