Title:
Die Logik der Dichtung
Creator:
Hamburger, Käte
Shelfmark:
2L 2061(2)
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1464595917209/189/
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das was die deutsche Poetik als Erlebnislyrik be2eichnet hat eben als die spezi 
fische Erlebnis Subjektivität begründet, ist das >Subjekt< als Person, das per 
sönliche Ich des Dichters, seine Innerlichkeit gemeint und die Subjektivität 
der Lyrik der Objektivität des Epos entgegengesetzt. Die Begriffe Subjek 
tivität und Objektivität sind zwar handliche, aber auch ungenaue und unge 
fähre Orientierungen im Gebiete der Dichtung (wie es sich auch bei der 
Analyse der Erzählfunktion zeigte). Sie sind ungenau, weil aus dem Auge 
verloren ist, daß sie korrelative Begriffe und deshalb sinnvoll nur dort sind 
wo diese Korrelation ihre Gültigkeit hat: in der Logik des Urteils und der 
Aussage. Wenn es sich so verhält, daß das Strukturprinzip der Lyrik, hier als 
Inbegriff der lyrischen Gedichtgebilde verstanden, ein Aussagesubjekt, das 
lyrische Ich, ist, so kann diese Gattung nicht in einen Vergleichsbezug zu den 
Gattungen gebracht werden, die nicht durch ein Aussagesubjekt konstituiert 
sind. Sondern nur in dem Bereich kann ihr Ort als Dichtung bestimmt werden, 
in den sie kategorial, als Sprachstruktur, gehört, im Aussagesystem der 
Sprache. Wird aber das lyrische Ich nicht bloß als >Subjekt< in dem personen- 
haften Sinne dieses Begriffes, sondern als Aussagesubjekt fixiert, so wird 
gerade dadurch, wie wir zu zeigen versuchen werden, der Begriff der Sub 
jektivität aus der Theorie der Lyrik eliminiert, und es wird möglich, auch die 
modernsten Formen und Theorien der Lyrik, wie etwa Text und Texttheorie, 
unter ihrem Gattungsbegriff zu fassen. Dies nun mag zunächst deshalb wider 
sprüchlich erscheinen, weil mit dem Begriff des Aussagesubjekts und das heißt 
der Aussage selbst die Subjekt-Objekt-Korrelation mitgegeben ist. Wir 
zeigten im ersten Kapitel an einer Reihe von Aussagen aller Satzmodalitäten 
und aller drei Aussagetypen — der historischen, theoretischen und prag 
matischen — Grade und Verhältnisse innerhalb dieser Korrelation auf: von 
der absoluten Objektivität eines mathematischen Lehrsatzes, dessen Aussage 
subjekt nur den Charakter interindividueller Allgemeinheit hat, bis zur greif 
baren Subjektivität eines emotional gefärbten Befehlssatzes. Es zeigte sich 
auch, daß für den Grad der Subjektivität und Objektivität nicht der Typus der 
Aussage und auch nicht die Satzmodalität bestimmend ist, sondern die Hal 
tung des Aussagesubjekts — derart, daß eine theoretische Aussage wie die 
philosophischen Beispielsätze von Kant und Heidegger subjektiver sein kann 
als die Aussage eines historischen und eines pragmatischen Aussagesubjekts. 
Wenn wir uns bei der Beschreibung des allgemeinen Aussagesystems mit 
dem Aufweis der Subjekt-Objekt-Korrelation begnügen konnten, so haben 
wir jetzt in Hinsicht auf das lyrische Aussagesubjekt einige weitere Verhält 
nisse zu prüfen. Es gilt zu fragen, ob das lyrische Aussagesubjekt an den drei
        

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