Volltext: Die Logik der Dichtung

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Aber freilich sind Psalm und Kirchenlied empfindliche und eben deshalb 
für die Struktur, die Logik der Dichtung ganz besonders aufschlußreiche 
Gebilde. Denn sie sind Schöpfungen von Dichtern, gleichgültig hier welchen 
Ranges und Namens. Und in der Tat ändern sie ihren Charakter, wenn sie 
uns nicht im gottesdienstlichen Ritual und im Gesangbuch, sondern in den 
Werken der Dichter begegnen. Für denjenigen, der z. B. das Kirchenlied 
»Wenn ich ihn nur habe / Wenn er mein nur ist / ...« niemals in der Kirche, 
sondern nur als Gedicht, als das fünfte der »Geistlichen Lieder« des Novalis 
im Rahmen von dessen Gedichtsammlung erlebt hat, ist es völlig aus dem 
Wirklichkeitszusammenhang des protestantischen Gottesdienstes entrückt. 
Er erlebt seinen religiösen Gehalt, die Innigkeit des Gefühls, die sanfte Musik 
des Verses, und erlebt dies als das religiöse Gefühl des dieses Gefühl aus 
sagenden Ich, als Erlebnis dieses Ichs. Und als was für ein Ich erlebt er es ? 
Eben als das lyrische Ich dieses lyrischen religiösen Gedichtes, als das Ich, 
das seiner Frömmigkeit diesen und keinen anderen Ausdruck, diese und keine 
andere Form gegeben. Wie kommt dieses Phänomen zustande ? Durch nichts 
anderes als den Kontext, in dem der Leser dieses Gedicht nun vorfindet. 
Denn dies ist ja kein zufälliger Kontext. Es ist der Kontext, in den der Dichter 
es gesetzt hat. Indem dieser das Gedicht in seine Gedichtsammlung aufnahm 
und es nicht bloß zum Zwecke eines gottesdienstlichen Gebrauches machte, 
gibt er an, daß es keinen praktischen Zweck hat, daß das Aussagesubjekt kein 
praktisches Ich, sondern ein lyrisches Ich sein will. Das fromme Gedicht hat 
keine Funktion in einem Wirklichkeitszusammenhang, sondern ist nichts als 
der künstlerische Ausdruck einer frommen Seele. 
Das sozusagen >zwiegesichtige< geistliche Lied des Novalis ist nicht unge 
eignet, weiter in die Phänomenologie des lyrischen Ich, damit in die Struktur 
des lyrischen Gedichts und die der lyrischen Gattung hineinzuführen. In dem 
bisherigen Zusammenhang diente es uns als Indizium für den Ort im Aussage 
system der Sprache, an dem die Lyrik als Dichtungsgattung anzutreffen ist. 
Als Gedicht eines Dichters, das auch einem Gebrauchszweck, dem gottes 
dienstlichen, dient, stellt es einen Grenzfall dar, an dem wir erkennen können, 
wann wir es mit einem lyrischen Ich oder Aussagesubjekt zu tun haben und 
wann nicht. Das Indizium ist hier nichts als die veränderte Auffassung des Ichs, 
das in diesem Gedicht >ich< sagt (gleichgültig ob und in welchem Grade diese 
Veränderung uns bewußt wird), und nicht die Gedicht-Form an sich. Denn 
in Gedichtform kann prinzipiell jede Aussage gebracht werden, ohne diese zu 
einer lyrischen zu machen. Und wenn das Gebet auf Grund seines Gehaltes, 
seines geistig-religiösen Anliegens von Dichtern gestaltet werden und eine
	        

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