Volltext: Die Logik der Dichtung

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Gewiß, der Grund dafür mag in dem erotischen Anklang des dritten und 
vierten Verses gelegen haben, aber möglicherweise auch in einer ge 
wissen Schwierigkeit ihres Verständnisses. Damit wird ein Moment, ein 
Indizium genannt, das für die Subjekt-Objekt-Korrelation wesentlich ist. 
Nicht nur der dritte und vierte Vers an sich, auch ihr Zusammenhang 
mit den beiden voraufgehenden und den beiden folgenden bereitet eine 
gewisse Schwierigkeit für die Interpretation. Es handelt sich nun in un 
serem Zusammenhang nicht um die Interpretation der Strophe — die Frage 
etwa, ob der Vergleich des Seligseins mit einem Himmelsknaben, der der 
Jungfrau Schleier hält, inspiriert sein könnte von einem Gemälde, auf dem 
Engel den Schleier der heiligen Jungfrau halten; ob die »Welt« als Gegen 
satz zum »Irdischen« gemeint ist als die höhere göttliche, von Christus erfüllte 
Welt, über deren Anschaun das Irdische versinkt und keine Schrecken mehr 
birgt. — Um diese Einzelfragen handelt es sich uns nicht, sondern nur um den 
Vorgang in der Aussage, der sich eben durch die an den Text zu stellenden 
Interpretationsfragen bemerkbar macht. Denn in dieser vierten Strophe ist der 
Objektzusammenhang undeutlicher geworden (und fordert eben deshalb zur 
Deutung auf). Die drei Aussagen der sechs Verse, immer je zwei zusammen 
gehörige, stehen disparater zueinander als die Aussagen der vier anderen 
Strophen. Wenn die vierte Strophe aus den Gesangbüchern fortgelassen wurde, 
so können wir das als ein Indizium dafür auffassen, daß das Ich dieser Strophe 
sich nicht mehr so leicht auf das Gemeinde-Ich übertragen ließ wie das der 
anderen Strophen. In ihr macht sich der Prozeß bemerkbar, der die lyrische 
Aussage konstituiert und damit sozusagen den >eindeutigen< pragmatischen 
Zweck eines Gebets nicht mehr erfüllt. 
An diesem Gebetgedicht ist jedoch trotz der vierten Strophe dieser Prozeß 
noch nicht hinreichend aufzuzeigen. Es diente uns nur als ein Phänomen auf 
der Grenze zwischen einem pragmatischen und einem lyrischen Aussagesub 
jekt, damit als ein erster Hinweis auf den Prozeß, der für die lyrische Aussage 
konstituierend ist und sie von der nicht-lyrischen Aussage unterscheidet. Die 
ser Prozeß, der zwischen Aussagesubjekt und -objekt vorgeht, soll an einigen 
Beispielen vorgeführt werden; sie sind in einer chronologischen Folge aus 
gewählt, die ihn an der steigenden Schwierigkeit der Interpretation anschaulich 
zu machen sucht. Und d. h. zugleich als Erklärung — als eine von anderen 
möglichen Erklärungen — für die Tatsache, daß die ältere Lyrik geringere 
Verstehensschwierigkeiten macht als die unserer Moderne. 
Mörikes berühmtes Frühlingsgedicht »Er ist’s« sei als erstes Beispiel 
gewählt:
	        

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