Title:
Die Logik der Dichtung
Creator:
Hamburger, Käte
Shelfmark:
2L 2061(2)
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1464595917209/232/
Ich nennt oder nicht. Es wurde zu zeigen versucht, daß dieser Umstand die 
Lyrik in ihrem autochthon zentralen Wesen bestimmt, zugleich aber auch 
bestimmend für ihre empfindliche Situation im allgemeinen Aussagegebiet 
der Sprache ist. Und diese empfindliche, schwach markierte Differenz muß 
in die Strukturdefinition der Lyrik einbezogen werden. Sie ist empfindlich, 
aber dennoch prinzipiell wie in jedem einzelnen Falle angebbar. Die Grenze, 
die die lyrische von der nicht-lyrischen Aussage trennt, ist nicht durch die 
äußere Form des Gedichtes gesetzt, sondern, wie gezeigt wurde, durch das 
Verhalten der Aussage zum Objektpol. Denn daß wir das lyrische Gedicht 
als das Erlebnisfeld, und nur das Erlebnisfeld des Aussagesubjekts erfahren, 
kommt dadurch zustande, daß seine Aussage sich nicht auf den Objektpol 
richtet, sondern ihr Objekt in die Erlebnissphäre des Subjekts hineinzieht 
und damit verwandelt. 
Diese Verhältnisse wurden hier kurz zusammengefaßt, weil durch sie das 
Kriterium angegeben ist, einer Reihe von literarischen Erscheinungen ihren 
Ort im System der Dichtung genauer zu bestimmen, als es bisher von dem 
bloß dichtungsimmanenten literaturtheoretischen Standpunkt aus möglich 
war. Es ist dies auf der einen Seite die Großform der Ich-Erzählung, auf der 
anderen sind es Kleinformen, als deren hervortretendste die Ballade gelten 
kann. Beide Dichtungsarten stehen außerhalb der beiden Hauptgattungen 
und können deshalb als Sonderformen bezeichnet werden. Sie sind Sonder 
formen in bezug auf ihre sprachlogische Struktur, die im Falle der Ballade und 
ihrer Verwandten die fiktionale ist, im Falle der Ich-Erzählung die der Aus 
sage. Genauer gesagt sind sie Sonderformen erst deshalb, weil sie sozusagen 
unter »Verleugnung «ihrer angeborenen Struktur in der jeweils anderen, anders 
strukturierten Gattung Heimatrecht erworben haben: die Ballade in der lyri 
schen, die Ich-Erzählung in der fiktionalen. Daß sich dies natürlich aus Grün 
den ihrer Form so verhält, soll, um Mißverständnissen vorzubeugen, nicht 
besagen, daß diese Form von sekundärer Bedeutung für die Phänomenologie 
der Ballade einerseits, der Ich-Erzählung andererseits wäre. Sie ist, im Gegen 
teil, die Bedingung für den Sonderort, den diese Erscheinungen im System 
der Dichtung einnehmen.
        

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