Title:
Die Logik der Dichtung
Creator:
Hamburger, Käte
Shelfmark:
2L 2061(2)
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1464595917209/234/
234 
seinem spezifischen Sinne die menschliche Gestalt. Im Gebiete der Kunst wird 
sie gebildet einerseits von der bildenden Kunst, anderseits von der fiktionalen 
Dichtung. Tritt sie als Kunstgebilde im Raume der Lyrik auf, entsteht ein 
einzigartiges Phänomen im Gesamtsystem der Kunst, das Bildgedicht, mit dem 
wir uns nun zuerst beschäftigen und es in seinem Verhältnis zur Ballade unter 
suchen wollen. 
Ein Bildgedicht, hervorgegangen aus dem antiken Epigramm, beschreibt ein 
Gemälde oder eine Skulptur. Und aus der wertvollen Untersuchung Hellmut 
Rosenfelds über »Das deutsche Bildgedicht« geht hervor, daß die Fälle selten 
sind, wo ein Bildgedicht andere als figürliche Gemälde zum Gegenstände hat 169 . 
(Bei Skulpturgedichten fällt die Alternative überhaupt fort.) Für den Ort im 
lyrischen Raum, auf den es in unserem Zusammenhang ankommt, sind jeden 
falls die. Figurengedichte wesentlich, als welche sie, wie gesagt, einen einzig 
artigen Punkt im System der Dichtung bedeuten, einen Punkt, in dem sich 
Linien von der Lyrik und von beiden Formen der fiktionalen Gattung treffen, 
und zwar so, daß der Ort des Bildgedichts im lyrischen Raum äußerst empfind 
lich ist, die Struktur des Gedichtes durch geringe Verschiebungen der Haltung 
des lyrischen Ichs verändert werden kann. Denn die von der bildenden Kunst 
geschaffene menschliche Gestalt kann ebensowohl bloß toter, wie auch immer 
ästhetisch erlebter, als auch ein menschlich beseelter Gegenstand der Betrach 
tung sein. Und wenn wir nun an einigen Beispielen die Haltung verfolgen, die 
das lyrische Ich des Bildgedichtes einnehmen kann, wird sich von diesem recht 
versteckten Ort her sowohl im DichtungsSystem wie in der Dichtungsge 
schichte wiederum zeigen, daß die logische Struktur des ersteren durch nichts 
anderes bedingt ist als die menschliche Gestalt, d. h. die künstlerische Gestal 
tung des Objektes, das zugleich als ein Subjekt gestaltet werden kann. 
Ich wähle aus der Fülle der Bildgedichte, die die deutsche Literatur aufweist, 
zunächst ein Skulpturengedicht Herders und ein Gemäldegedicht Rilkes aus. — 
Eins der sogenannten Bildepigramme 170 , die Herder an antike Traditionen 
anknüpfend verfaßt hat, beschreibt eine hellenistische Gruppe: 
Amor und Psyche 
Die Hand, die dieses holde Haupt berührt 
Und still hinab es zum Geliebten führt, 
Der leise Hauch, der um die Lippen schwebt 
Und sanft den Arm und sanft den Busen hebt — 
169 H. Rosenfeld, Das deutsche Bildgedicht, Tübingen 1935, passim 
170 Ebd., S. 122 u. 124 ff., wo die Entstehung des griechischen Bildepigramms dargelegt 
wird.
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.