Volltext: Die Logik der Dichtung

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>tot<, wie alles Vergangene, nicht mehr in den existentiellen Gegenwartsstrom 
des Lebens gehörend. 
In diesen beiden zusammenhängenden und zusammenwirkenden Momen 
ten, der Objektivierung der eigenen Ich-Stadien und der Totalität des im 
Rückblick sich zusammenschließenden Weltzusammenhangs, hegen die Mög 
lichkeiten, die >Versuchungen< der fingierten (und oftmals auch der nicht 
fingierten) Ich-Erzählung, sich aus der Form der Wirklichkeitsaussage zu der 
der Fiktion hin zu entwickeln. Eins der deutlichsten Symptome dafür ist der 
Dialog, der im Memoirenroman eine ganz andere Funktion und einen anderen 
Aspekt hat als im Briefroman. Der Dialog im Briefroman hat noch keinen 
fiktionalen Charakter, sondern den der Verleihung des Wortes, er kann aus 
der unmittelbaren Erinnerung reproduziert sein. Der Dialog aber, der zusam 
men mit anderen veranschaulichenden Darstellungsmitteln eine lang ver 
gangene Situation oder Episode veranschaulicht, hat nicht mehr den Aspekt 
der Verleihung des Wortes, sondern den Charakter des Erdichteten, er 
fiktionalisiert die Personen wie in der echten Fiktion. Und er fiktionalisiert 
nicht nur die anderen Personen, die mit den früheren Ichs des Ich-Erzählers 
reden, sondern in demselben Maße auch diese früheren Ichs selbst. Der fixe 
Ich-Erzähler kommt, sobald er die Personen seiner Vergangenheit Rede und 
Gegenrede mit >sich selbst< in seinen früheren Stadien wechseln läßt, der 
fiktionalen Erzählfunktion schon sehr nahe. Und wie in der tiefgelager 
ten, verborgenen Schicht der logischen Strukturen alle Elemente und Sym 
ptome sich gegenseitig bedingen, so hängt auch diese Erscheinung mit der 
Grundsituation des fixen Ich zusammen. Indem dieses sich nicht wie das des 
Briefschreibers mit jedem Briefe neu seiner selbst bewußt ist und das be 
deutet: das geschilderte Leben und Erleben in einen Bezug zu sich selbst 
setzen muß, geschieht es, daß es seiner selbst als des Bezugspunktes, als des 
Aussagesubjekts weitgehend vergessen kann. Das vergangene Leben, die 
ehemalige Welt mit Dingen, Menschen und Geschehen überwächst das Aus 
sagesubjekt, wenn dieses sich auch in jedem Augenblick des vergangenen 
Lebens, in der Form seiner früheren Ich-Stadien mitanwesend darstellt -—■ 
wenn anders überhaupt die Form der Ich-Erzählung aufrecht erhalten werden 
soll. Hier liegt der strukturelle Keim für die epischen Möglichkeiten des Me 
moirenromans, aber hier liegt damit zugleich auch die Ursache für die starke 
Variabilität des Ich-Romans. Sie ist durch die Empfindlichkeit bedingt, die 
ihrerseits durch die trotz allem aufrechtzuerhaltende Form der Wirklich 
keitsaussage bedingt ist. Kein Zweifel, daß, wie auch auf anderen Gebieten 
der Dichtung, diese Empfindlichkeit in der kritischeren, stilbewußteren
	        

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