Full text: Die Logik der Dichtung

Moderne stärker ausgeprägt ist als in früheren Epochen der Dichtung, wo 
schon die ja keineswegs fingierte Autobiographie ‘Goethes in den Sesenhei- 
mer Szenen in eine durch Rede und Gegenrede belebte Romansrhildernng 
übergehen konnte. Im »Grünen Heinrich« ist — nun nicht ohne Einfluß der 
Umwandlung des Romans aus einem stückweisen Er-Roman in einen Ich- 
Roman — die fiktionalisierende Tendenz so stark, daß sogar Erzählformen, 
die logisch die Grenze der Ich-Aussage überschreiten, sich hier und da ein 
geschlichen haben bzw. stehengeblieben sind. Von Agnes in ihrem Diana- 
kostüm auf dem Münchener Faschingsfeste heißt es: »Ihr Auge flammte 
dunkel und suchte den Geliebten, während in dem silberglänzenden Busen 
der kühne Anschlag, den sie gefaßt, das Herz pochen machte«, da doch 
höchstens das was auf oder mit, aber nicht in dem Busen vor sich geht, von 
dem Ich-Erzähler beobachtet werden kann 183 . Eine solche Stelle aber ist sym 
ptomatisch für die objektivierende Spaltung des Ich-Erzählers in seine ver 
gangenen Ich-Zustände, die mit denen der anderen, der dritten Peisonen zu 
einem Zusammenhang verschmelzen. Und dies kann in unterschiedlicher 
Weise geschehen: so daß das jeweilig anwesende Ich ganz unbemerkt bleibt, 
aus dem Gewebe seiner Erzählung das ihm gegenüberseiende Weltbild, die 
anderen Menschen, die unabhängig von ihm sich vollziehenden Ereignisse 
und Erlebnisse der anderen hervortreten und eigenes, von dem Ich-Erzähler 
unabhängiges Leben gewinnen. Sie treten weit aus seinem Erlebnisfeld fort; 
wo sie aber dessen Rand überschreiten, wird die Form der Ich-Aussage durch 
brochen, aufgehoben. Dies ist — nun aber aus bewußter künstlerischer Ab 
sicht — der Fall in dem gewaltigen Roman »Moby Dick« von Herman Mel- 
ville, wo der Ich-Erzähler, der Matrose Ismael, zeitweise ganz verschwindet 
und die düstere Hauptgestalt, der Kapitän Ahab, unvermittelt allein mit sich, 
d. h. in seiner eigenen Ich-Originität, als fiktive Figur, geschildert ist. Eine 
solche eklatante Form der >Grenzüberschreitung< ins Fiktionale zeigt an sich 
schon an, daß es nicht auf den Ich-Erzähler selbst ankommt, auf seine Selbst 
darstellung und >Existenz<, sondern das auf ihn nicht bezogene Sein, ja Für- 
sich-Sein anderer Personen, und im Falle von »Moby Dick« letztlich auf 
das Sein, die Existenz des verlockend Bösen selbst, das in dem weißen Wal 
Moby Dick personifiziert ist. — Wenn dagegen in Thomas Manns »Doktor 
183 Es stellt sich denn auch beim Vergleich der beiden Versionen heraus, daß die zitierte 
und andere ähnliche Stellen unverändert in die zweite durchgehende Ich-Fassung hinüber 
genommen sind. Daß diese Partien in der ersten Fassung (III, 4) von der »Jugendgeschichte«, 
die Ich-Form hat, durch die Er-Form abgehoben sind, ist freilich rein literarisch betrachtet, 
ein Symptom für Kellers zuerst noch unsicheres Formgefühl, zeigt aber auch an, daß die 
Münchener Partie mehr Welt- als Ich-DarsteUung ist. 
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