Full text: Die Logik der Dichtung

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dem die volle Erfüllung des Wirklichkeitsbegriffes, die das Phänomen der 
echten Wirklichkeitsaussage hervorruft. 
Bei der Ich-Erzählung herrschen die genau entgegengesetzten Verhältnisse. 
Hier ist es die Form und nicht der Gehalt der Wirklichkeitsaussage, die Aus 
sageform und nicht der Wirklichkeitsgehalt, wodurch die Ich-Erzählung als 
eine als Wirklichkeitsaussage variable Dichtungsform sich darstellt, als fin 
gierte Wirklichkeitsaussage, deren Fingiertheitsgrad eben der Variabilität 
unterhegt. Während ein noch so großer Unwirklichkeitsgehalt des lyrischen 
Gedichtes dessen Charakter als Wirklichkeitsaussage nicht beeinträchtigt, 
erscheint die Ich-Erzählung um so weniger wirklich, d. h. um so fingierter, je 
größer der Unwirklichkeitsgehalt ist. Ernst Jüngers »Marmorklippen« ist 
eine formal streng durchgeführte Ich-Erzählung. An keiner Stelle wird die 
Veranschaulichung des geschilderten Milieus, der Umstände, Begebenheiten 
und Personen durch fiktionalisierende Mittel erzielt. Alles ist reines Objekt 
des Berichtes, keine der Personen wird in direkter Rede dargestellt, keine 
Gesprächssituation wird erschaffen, die Form des historisch-chronikalischen 
Berichtes ist ausnahmslos gewahrt. Dennoch ist der Fingiertheitsgrad dieser 
Ich-Erzählung so groß, der Unwirklichkeitsgehalt so offenbar, daß sie sich 
weit weniger als Wirklichkeitsaussage darstellt als etwa »Der grüne Heinrich«, 
wo sehr viel lässiger mit der Ich-Form umgegangen wird. Die Form garantiert 
also nicht für den Wirküchkeitsgehalt. Aber die Form garantiert anderseits 
trotzdem dafür, daß auch dieser hochgradig fingierte Berichtsinhalt nicht den 
Charakter der Fiktion erhält. An diesem Punkte zeigt sich wieder von einem 
anderen Aspekt her, daß der Begriff des Unwirklichen nicht mit dem des 
Nichtwirklichen, des Fiktiven, verwechselt werden darf. Der Inhalt eines Er- 
Romans kann noch so naturalistisch geprägten Wirklichkeitsstoff enthalten, 
noch so übereinstimmend mit der empirischen Wirklichkeit sein — er wird 
dennoch als nicht-wirklich, als die fiktive Wirklichkeit fiktiver Personen er 
fahren. Der Inhalt einer Ich-Erzählung kann noch so märchenhaft unwirklich 
sein, noch so wenig mit erfahrbarer Wirklichkeit übereinstimmen — sie er 
reicht dennoch ebensowenig die Fiktion wie jede phantasierende Aussage 
auch. Es ist die Form der Ich-Aussage, die auch der extremsten Unwirklichkeits 
aussage noch den Charakter der Wirklichkeitsaussage beläßt. 
Damit ist aber noch nicht hinreichend erklärt, warum trotzdem nicht 
auch durch einen Unwirklichkeitsgehalt der Begriff der Wirklichkeit so er 
füllt sein könnte wie in der Lyrik. An diesem Punkte ist nochmals darauf 
hinzuweisen, daß die Ich-Erzählung gerade darum eine so aufschlußreiche 
logische Position im Dichtungssystem einnimmt, weil sie sich, auf jeweils
	        

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