Volltext: Die Logik der Dichtung

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Leseerlebnis der Mehrzahl der Ich-Romane empfindet das in ihnen Erzählte 
gleichfalls als etwas, das nur ist kraft dessen, daß es erzählt ist, den Ich-Erzäh 
ler selbst als eine fiktive Person, die nun von anderen fiktiven Personen er 
zählt. Ja, die Dichter der Ich-Romane selbst werden ihre Ich-Helden kaum als 
weniger fiktive Personen empfinden und konzipieren als Er-Helden, und 
zwar obwohl sie den Erzählgesetzen der Ich-Erzählung ebenso unbewußt 
folgen wie der Sprechende und Denkende den Gesetzen, nach denen er spricht 
und denkt; sie werden bei noch so fiktionalisierender Ausgestaltung doch die 
Grenze nicht überschreiten, die die Ich-Perspektive, das aber heißt das Gesetz 
der Aussage setzt. Aber gerade dieser Umstand ist ein Anlaß, die Bedeutsam 
keit der Begriffe und Termini zu betonen, mit denen die sich darbietenden 
Phänomene beschrieben werden sollen. Wendet man den Begriff der Fiktivität 
auf den Ich-Erzähler an, so verliert er seine dichtungsphänomenologische 
Prägnanz und reduziert sich auf die Tatsache des Erfundenseins, die zur 
Phänomenologie der Dichtung nichts beiträgt. Die Bezeichnung des Ich- 
Erzählers als fiktive Figur verdeckt seine strukturelle Funktion als Aussage 
subjekt; fiktive Aussagesubjekte sind nur die innerhalb einer — epischen 
oder dramatischen — Fiktion redenden Personen. (Doch sei hierzu in Paren 
these bemerkt, daß diese betonte Unterscheidung eben aus rein sprachstruk- 
turellen Gründen, und ihrer Konsequenzen für die Phänomenologie der 
Ich-Erzählung, gemacht wird. In einer allgemeineren oder verkürzenden 
Betrachtungsweise ist es natürlich >erlaubt<, vom Ich-Erzähler als einem 
fiktiven zu sprechen, den an sich bestehenden Unterschied zwischen fingiert 
und fiktiv sprachgebrauchlich zu vernachlässigen und deshalb auch die Ich- 
Erzählung pauschal zur fiktionalen Gattung zu zählen.) Der Begriff des 
fingierten Aussagesubjekts, das der epische Ich-Erzähler (einer als solche 
sich darbietenden Ich-Erzählung) ist, unterscheidet ihn einerseits von dem 
echten Aussagesubjekt einer Autobiographie, andererseits aber auch von 
dem Erzähler-Ich des Autors und schließlich von dem lyrischen Ich. Wenn 
über die Identität des lyrischen Ich mit dem Dichter-Ich eben deshalb nicht 
entschieden werden kann und braucht, weil es ein reales Aussagesubjekt ist, 
so besagt das Fingiertsein des Ich-Erzählers, daß dieser mit dem Erzähler- 
Ich des Autors, der ihn erfunden hat wie jede Romanperson auch, strukturell 
nichts zu tun hat (und es daher dichtungsphänomenologisch für die Ich- 
Erzählung ebenso irrelevant ist wie für die Er-Erzählung, ob und wieweit 
der Autor sich in irgendeiner der Figuren darstellen mag) 184 . 
184 Ich berichtige mit diesen Feststellungen einen Fehler in der ersten Auflage dieses 
Buches, wo (S. 234) die Rede von einer Beziehung, Identität oder Nichtidentität, zwischen
	        

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