Volltext : Die Logik der Dichtung

bezeichnet  —  dieselbe  Unbestimmbarkeit,  die  das  lyrische  Ich  enthält,  ob  dieses ­
  sich  in  personaler  Form  ausdrückt  oder  nicht.  Die  Deutung,  die  z.  B.  H.
Henel  der  »Römischen  Fontäne«  Rilkes  gibt,  macht  dies  besonders  gut  einsichtig ­
  :  »...  erst  durch  Beobachtung  des  leise  tropfenden  und  des  lächelnd  wartenden ­
  Wassers  erfährt  Rilke,  daß  sein  Leben  ein  Sichfallenlassenund  Sichverbreiten
ohne  Heimweh  ist,  ein  Sichneigen  in  den  Tod.« 193  Diese  Deutung,  auf  die  kein
Wort  in  dem  Gedicht  hinweist,  ist  ein  ganz  und  gar  im  Leser  erzeugter  état
d’âme  ;  und  wenn  sie  auch,  wie  uns  scheint,  die  Fragwürdigkeit  symbolistischer
Deutung  in  vielen  Fällen  (vor  allem  im  Falle  Rilkes) 194  beleuchtet,  so  ist  sie
wie  gesagt,  hier  nur  angeführt  als  Beispiel  für  die  offene  Struktur  des  lyrischen
Gedichts  als  Symbolstruktur,  die  auf  der  Unbestimmbarkeit  des  lyrischen  Ich
beruht.
Das  Symbolproblem  der  Dichtung  ist  mit  diesen  Überlegungen  nur  angedeutet, ­
  ja  nur  als  Frage  gestellt  worden.  Es  galt  abschließend  nur  auf  Probleme
der  Dichtungsinterpretation  hinzuweisen,  die  sich  aus  den  kategorial  verschiedenen ­
  Orten  ergeben,  die  die  Fiktionsdichtung  und  die  Lyrik  im  Sprachsystem ­
  besetzen.  Aristoteles  hat  nur  die  Mimesis  eine  Poiesis  genannt  und  die
Lyrik  nicht  in  die  Poetik  aufgenommen.  Spätere  Zeiten  haben  den  (bedeutungsveränderten) ­
  Begriff  der  >Poesie<  der  Lyrik  Vorbehalten.  Aber  sie  haben  nicht  so
genau  wie  Aristoteles  gesehen,  daß  und  warum  die  Lyrik  nicht  im  gleichen
Sinne  Dichtung  ist  wie  die  mimetische  oder  fiktionale  Dichtung.  Der  epischen
und  dramatischen  Fiktion  steht  das  Gedicht  als  lyrische  Aussage  gegenüber.

193  H.  Henel,  a.  a.  O.,  S.  241
194  Vgl.  meinen  Aufsatz  »Die  phänomenologische  Struktur  der  Dichtung  Rilkes«  (in
meinem  Sammelbande  »Philosophie  der  Dichter«,  Stuttgart  1966).

281
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.