Full text: Die Logik der Dichtung

oder erlogene Sachverhalt verifiziert, d. h. auf seine Wahrheit oder Falsch 
heit befragt werden, ein Verfahren, das nicht die Aussagestruktur, sondern 
nur den Inhalt der Aussage betrifft. Doch für das Subjekt-Objekt-Verhältnis 
kommt es auf den Sinn an, in dem das Aussagesubjekt aussagt. Für das unbe 
wußt phantasierende Aussagesubjekt ist das phantasierte Objekt ebenso unab 
hängig von seinem Ausgesagtsein wie das empirisch nachweisbar existierende. 
Es >glaubt<, so könnte man sagen, an seine Existenz (wie auf religiöser Ebene 
etwa der Gläubige es in Hinsicht auf die Existenz Gottes, das Christusmyste 
rium tut). Das lügende Aussagesubjekt ist sich zwar bewußt, daß der von ihm 
ausgesagte Sachverhalt nicht >den Tatsachen entspricht^ von ihm erfunden ist; 
aber als aussagendes Subjekt >gibt es vor<, daß der gelogene Sachverhalt wahr 
>ist< und d. h. damit strukturell unabhängig von seinem Ausgesagtsein ist. 
Die Subjekt-Objekt-Struktur der Aussage, die sie als Wirklichkeitsaussage 
begründet, findet eine gewisse Entsprechung und Bestätigung in der Onto 
logie und ontologischen Erkenntnistheorie Nicolai Hartmanns, auf die aus 
diesem Grunde kurz hingewiesen sei. Hartmann hat sich bekanntlich gegen 
die idealistische Erkenntnistheorie gerichtet, die auf dem Argument der Sub- 
jekt-Objekt-Korrelation beruht, nachdem das, auf das sich die Erkenntnis 
richtet, das Seiende, wie es Hartmann nennt, nur »Objekt« (Gegenstand) des 
Erkenntnissubjekts ist, also nur eine bewußtseinsimmanente »Seinsweise« hat. 
Erkenntnis aber, zeigt Hartmann, unterscheidet sich gerade dadurch von ande 
ren Bewußtseinsvorgängen wie Vorstellen, Denken, Phantasie, daß sie bewußt 
seinstranszendent gerichtet ist, »ihr Gegenstand in seinem Gegenstandsein für 
das Bewußtsein nicht aufgeht«. »Erkenntnis gibt es nur von dem, was erst 
einmal >ist< — und zwar unabhängig davon, ob es erkannt wird oder nicht.« 53 
Hartmann hat sozusagen den Mut, das Erkenntnisproblem auf den natürlichen 
Realismus, die natürliche Bewußtseinshaltung zurückzuführen, für die »die 
Welt, in der wir leben und die wir erkennend zu unserem Gegenstände machen, 
nicht erst durch unser Erkennen geschaffen wird« — wie der Idealismus letzt 
lich voraussetzt und in seiner extremen Form, derjenigen Fichtes, ausgespro 
chen hat —, »sondern unabhängig von uns besteht« 54 . Und Hartmann spricht 
denn auch die dem unbefangenen Blick selbstverständliche Einsicht aus, daß 
das unabhängig von jeder Erkenntnis bestehende Seiende erst dann zum Ob 
jekt der Erkenntnis wird, wenn es zum Objekt der Erkenntnis gemacht wird — 
und dies ist nur eine tautologische Formulierung, aber kein tautologischer, 
sondern ein echter erkenntnistheoretischer Tatbestand. — Wir sprachen schon 
63 N. Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 2. Aufl., Berlin 1941, S. 17 
54 Ebd., S. 53 
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