Volltext: Die Logik der Dichtung

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die Meinung aus, daß der erkenntnistheoretische Sachverhalt seine exakt ab 
lesbare Manifestation in der Struktur der Aussage und damit im Aussagesystem 
der Sprache hat. Wenn es sich beim Erkenntnisvorgang so verhält, daß Er 
kenntnis als »die Objektwerdung des Seienden« 55 eben deshalb sich des unab 
hängig von seiner Objektwerdung existierenden Seiendseins oder der Realität 
des Seienden bewußt bleibt, so klärt uns eben darüber die Phänomenologie der 
Aussage auf, können wir es an ihr geradezu ablesen. Denn die Unabhängigkeit 
des Aussageobjekts — exakt und den Bestimmungen Hartmanns entsprechend, 
müßte von der Unabhängigkeit des zum Aussageobjekt gewordenen Seien 
den gesprochen werden — von seinem Ausgesagtwerden ist ein noch fraglose 
rer Tatbestand als die Unabhängigkeit des Erkenntnisobjekts von seinem 
Erkanntwerden. Erkenntnis ist als solche ein in sich problematischer Vorgang, 
der ein Hauptproblem der Erkenntnistheorie gewesen ist; und dem ontologi 
schen Realismus Hartmanns können z. B. die transzendental-idealistischen 
oder phänomenologischen Theorien der Erkenntnis immer entgegengehalten 
werden. Die Aussage aber ist ein in den verschiedenen Satzmodalitäten fest 
gelegter formalisierter Tatbestand, der nicht wie die Erkenntnis Probleme 
seiner Entstehung und Beschaffenheit aufgibt. Sie ist eine Subjekt-Objekt- 
Struktur, die im Sinne ihrer jeweiligen Subjektivität oder Objektivität in jedem 
einzelnen Fall exakt feststellbar ist. Wir können zusammenfassend das Wesen 
der Wirklichkeitsaussage so bestimmen, daß das Ausgesagte das Erfahrungs 
oder Erlebnisfeld 56 des Aussagesubjekts ist, was nur ein anderer Ausdruck 
dafür ist, daß zwischen Aussagesubjekt und -objekt eine polare Beziehung, 
eine Relation besteht. Da die Schlittenfahrtbeschreibung des Rilkebriefes sich 
uns in diesem historischen und als historisch beglaubigten Dokument präsen 
tiert, hat sie Wirklichkeitscharakter, d. h. wir erleben sie als Erlebnis des hier 
aussagenden Ichs. 
Wenn es gelungen sein sollte aufzuzeigen, daß alle Aussagen Wirklichkeits 
aussage, Aussage eines realen Aussagesubjekts ist, so darf die weitere Behaup 
tung gewagt werden, daß das Aussagesystem der Sprache die sprachliche 
Entsprechung des Systems der Wirklichkeit selbst ist. Wir befinden uns im System 
der Wirklichkeit, wenn wir uns — aktiv oder passiv, sprechend-schreibend 
oder hörend-lesend — im Aussagesystem bewegen. Wenn jedoch dieser Über 
gang von der Wirklichkeitsaussage, also der Sprache, zur Wirklichkeit selbst 
gemacht wird, erscheint es geboten, die Beziehung von Sprache und Wirklich 
keit, die eben damit statuiert ist, nochmals in dem hier gemeinten Sinne zu * 58 
65 Ebd., S. 18 
58 Zu den Begriffen Erlebnis und Erlebnisfeld siehe unten anläßlich Erlebnislyrik S. 221.
	        

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