Full text: Die Logik der Dichtung

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klären. Denn wenn bisher bei der Behandlung dieses Problems die Wirklich 
keitsaussage als sprachtheoretisches Phänomen nicht zur Diskussion gestanden 
hat, so ist das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit selbst ein seit langem, 
schon seit der Antike geläufiges. Es ist aber, so weit ich sehe, stets nur das 
Wort, die Wortsubstanz der Sprache in ein so oder so beurteiltes Verhältnis zur 
Wirklichkeit gesetzt worden, und es war damit die Beschränkung auf das die 
Dinge benennende Wort, auf >Namen< im weiteren Sinne gegeben. Bereits 
Platons »Kratylos« handelt von der >natürlichen< Richtigkeit der Benennungen 
(oQ&örrjg Twv ovopaziy.ajv), der Frage, ob die Dinge ihnen von Natur zukom 
mende Benennungen haben oder diese Konventionen, willkürliche Fest 
setzungen seien, die »einige unter sich ausgemacht haben« (383 a). Wenn aber 
auch im Denken späterer Epochen und auch schon bei Platon selbst Worte 
nicht mehr bloße Namen bedeuten, sondern zwischen Wort und Ding die 
Abstraktion des Begriffes geschaltet wurde, so bedeutete das doch für die Art, 
in der die Sprache auf die Wirklichkeit bezogen, mit ihr verglichen wurde, 
keinen prinzipiellen Unterschied. Zwischen den Elementen der (sinnlichen und 
geistigen) Wirklichkeit: Dingen und Sachverhalten, und den Elementen der 
Sprache: Wörtern und Sätzen, ergab sich je nach der Auffassung ein Be- 
zeichnungs- oder sogar ein Abbildverhältnis. 
Die Sprache als Spiegel oder als Abbild der Wirklichkeit — dieses bald 
behauptete, bald verworfene Verhältnis — ist auch noch das Problem des so 
einflußreich gewesenen »Tractatus Logico-Philosophicus« von Ludwig 
Wittgenstein. Die Elemente der Wirklichkeit (oder der Welt: »Die gesamte 
Wirklichkeit ist die Welt«) sind als »Tatsachen« bezeichnet, die Elemente der 
Sprache als »Sätze«. Auf dem Wege über den Begriff des »logischen Bildes« 
wird »der Satz als ein Bild der Wirklichkeit« bezeichnet (S. 62). Den Satz selbst 
faßt Wittgenstein »wie Frege und Russell als Funktion der in ihm enthaltenen 
Ausdrücke« auf und begründet diese Abbildtheorie durch die Behauptung: 
»Denn ich kenne die von ihm (dem Satz) dargestellte Sachlage, wenn ich den 
Satz verstehe« und »Der Satz teilt uns eine Sachlage mit, also muß er wesent 
lich mit der Sachlage Zusammenhängen. Und der Zusammenhang ist eben der, 
daß er ihr logisches Bild ist.« 67 
Es handelt sich uns hier nicht um eine Diskussion der Wittgensteinschen 
Begriffe, etwa der Schwierigkeit, die der Begriff des logischen Bildes macht, 
der unerklärt bleibt. Der Hinweis auf Wittgenstein wurde nur gemacht, weil 
die Abbildtheorie hier in extremer Abstraktion ausgesprochen ist und damit 
67 L. Wittgenstein, Tractatus Logico-Philosophicus, London 1962, S. 38, 62, 52, 66, 68
	        

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