Title:
Die Logik der Dichtung
Creator:
Hamburger, Käte
Shelfmark:
2L 2061(2)
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1464595917209/58/
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Ursache, die, wie wir in den nächsten Abschnitten im einzelnen nachweisen 
werden, in ganz bestimmten Phänomenen des fiktionalen Erzählens ihren 
grammatisch-semantischen Ausdruck findet. Daß auch dieser Romananfang 
des »Jürg Jenatsch«, der sich rein verbal nicht von einer möglichen historisch 
biographischen Schilderung unterscheidet, das Erlebnis der Nicht-Wirklich 
keit hervorruft, hat seine Ursache nicht in dem Erzählten selbst, sondern 
in dem >Erzähler<, wie wir hier noch im traditionellen Stile sagen wollen. Denn 
weil wir wissen, daß wir einen Roman und keine Reisebeschreibung lesen, 
beziehen wir, ohne uns dessen bewußt zu sein, die geschilderte Landschaft nicht 
auf den Erzähler. Wir wissen, daß wir diese nicht als dessen Erlebnisfeld auf 
zufassen haben, sondern als das Erlebnisfeld anderer Personen, deren Auf 
treten wir erwarten, weil wir einen Roman lesen — fiktiver Personen, der 
Romangestalten. 
Jetzt erscholl aus der Ferne . . . das Gebell eines Hundes. Hoch oben an dem . . . Hange 
hatte ein Bergamaskerhirt im Mittagsschlafe gelegen. Nun sprang er auf . . . zog seinen 
Mantel fest um die Schultern und warf sich in kühnen Schwüngen von einem vorragenden 
Felsturme hinunter zur Einholung seiner Schafherde, die sich in weißen beweglichen Punkten 
nach der Tiefe hin verlor .. . Und immer schwüler und stiller glühte der Mittag . .. End 
lich tauchte ein Wanderer auf ... Jetzt erreichte er die zwei römischen Säulen. Hier entle 
digte er sich seines Ränzchens . .. Schnell bedacht zog er eine lederne Brieftasche hervor und 
begann eifrig die beiden ehrwürdigen Trümmer auf ein weißes Blatt zu zeichnen. Nach einer 
Weile betrachtete er seiner Hände Werk mit Befriedigung ..., ließ sich auf ein Knie nieder 
und nahm mit Genauigkeit das Maß der merkwürdigen Säulen. »Fünfthalb Fuß« sagte er 
vor sich hin. »Was treibt Ihr ? Spionage ?« ertönte neben ihm eine gewaltige Baßstimme. 
Wir werden unten sehen, warum in diesem Textstück erst der Satz »Schnell 
bedacht zog er eine lederne Brieftasche hervor« den eigentlichen Beweis liefert, 
daß wir es wirklich mit einem Roman und nicht etwa einer lebhaften Augen 
zeugenschilderung, also immer noch einem historischen Dokument, zu tun 
haben. Denn dieser Beweis geht ein in den Aufweis der grundlegenden Phäno 
mene, die den kategorialen Unterschied des fiktionalen Erzählens von der Aus 
sage an den Tag bringen. 
Daß es die Roman- oder allgemeiner: die epischen Personen sind, die eine 
erzählende Dichtung zu einer solchen machen, schien als etwas so Banal- 
Selbstverständliches, ja Tautologisches hingenommen worden zu sein, daß 
keine Theorie der epischen Dichtung sich bei dieser Tatsache aufgehalten hat. 
Aber diese Tatsache erweist sich nicht mehr als ganz so banal und tautologisch, 
wenn man die weitere Tatsache berücksichtigt, daß die Romanpersonen 
fiktive Personen sind. Denn erst diese Tatsache erschließt die Struktur der lite 
rarischen Fiktion, der epischen sowohl wie der dramatischen, die nun unter
        

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