Full text: Die Logik der Dichtung

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wirkliches kenntlich gemacht ist, was wiederum nichts anderes besagt, als 
daß die Rede von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft nur sinnvoll ist 
in bezug auf ein wirkliches, ein echtes Aussagesubjekt. Wir werden im fol 
genden als gleichbedeutend mit dem Begriffe Aussagesubjekt den mehr er 
kenntnistheoretisch gefärbten Begriff Ich-Origo anwenden, und zwar in 
Anlehnung an die von Brugmann und Bühler verwandte Terminologie. 
Dieser Begriff bezeichnet den durch das Ich (das Erlebnis- oder Aussage- 
Ich) besetzten Nullpunkt, die Origo, des raumzeitlichen Koordinaten 
systems, der zusammenfällt oder identisch ist mit Jetzt und Hier. Die »Origo 
des Jetzt-Hier-Ich-Systems«, welche Bezeichnung wir also zu Ich-Origo ver 
kürzen, wird von Brugmann und Bühler 62 zur Beschreibung der Funktionen 
der deiktischen Pronomina in der Rede benutzt, ein Problem, das auch uns als 
wichtiges beweiskräftiges Argument bei unseren Nachweisen dienen wird. 
Wir ersetzen den sprachlogischen Begriff des Aussagesubjekts durch den er 
kenntnistheoretischen der Ich-Origo, weil zur Erhellung der eigentümlichen 
grammatischen Verhältnisse, die sich beim fiktionalen Erzählen, dem Er 
zähler unbewußt, herstellen, der rein grammatische Gesichtspunkt nicht 
ausreicht. Kein Gebiet der Sprache zeigt deutlicher als die Dichtung, daß 
das System der Syntax ein zu eng bemessenes Kleid für das schöpferische 
Leben der Sprache sein kann, das als solches seine Quelle in dem umfassen 
deren Gebiete des Denkens und Vorstellens hat. Reißt das zu enge Kleid der 
Syntax, wenn sich Vorgänge dieses Gebietes bemerkbar machen — und es 
kommt darauf an sie zu bemerken! —, so bleibt nichts übrig, als es an solchen 
Stellen durch neu eingesetzte Stücke zu erweitern. Wir glauben, daß als ein 
solches Stück das epische Präteritum betrachtet werden kann. Zu der Erweite 
rung der grammatischen Tempuslehre durch dieses Stück bedarf es also eines 
Hinabsteigens in die zugrunde liegenden erkenntnistheoretischen Verhältnisse, 
wo letztlich die Gründe dafür angetroffen werden, warum das Präteritum in der 
Fiktion nicht die Funktion hat, Vergangenes auszudrücken. 
Wir betrachten zu diesem Zwecke zunächst die Funktion des Präteritums in 
der Wirklichkeitsaussage an zwei einfachen Beispielen objektiver Aussagen. 
1. Ich berichte mündlich oder schriftlich über eine Person: Herr X war auf 
Reisen. (Ein etwa im Laufe eines Gesprächs geäußerter Satz, z. B. als Antwort 
auf die Frage, wo sich Herr X dann und dann befunden habe.) 2. Ein beliebiger 
Satz aus einem beliebigen Geschichtswerk, etwa einer Geschichte Friedrichs 
des Großen: »Der König spielte jeden Abend Flöte.« Diese Aussagen über 
62 K. Brugmann, Die Demonstrativpronomina der indogermanischen Sprachen, Leipzig 
1904; — K. Bühler, a. a. O., S. 102f.
	        

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