Full text: Die Logik der Dichtung

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dritte Personen oder objektive Tatsachen sind nach Heyses Theorie »in die 
Vergangenheit des redenden Subjekts (also des Aussagesubjekts) gesetzt«, in 
unserer Terminologie: beide Aussagen enthalten eine reale Ich-Origo, von der 
aus auf der Zeitkoordinate ihres Raum-Zeit-Systems ein hier undatierter Zeit 
abstand der genannten Vorgänge existiert. Im ersten Beispiel ist die Ich-Origo 
deutlich. Ich berichte jetzt und hier, daß Herr X auf Reisen war, sehe von mei 
nem Jetzt auf den Zeitpunkt der Reisen des Herrn X zurück und kann etwa 
auf die Frage antworten, wann er auf Reisen war. Es geht aus dem Imperfekt 
meiner Aussage auch hervor, daß dieses Reisen der Vergangenheit angehört 
und er nun nicht mehr auf Reisen ist. Im zweiten, geschichtlichen Beispiel ist 
die Ich-Origo nicht so auffällig, aber ebenso wie im ersten vorhanden. Das 
Geschichtswerk, die Totalität der in ihm enthaltenen Aussagen, scheint freilich 
dem Zeit- (und Raum-)System enthoben zu sein. Seine Aussagen haben objek 
tive Gültigkeit und sind nicht, oder doch nicht mehr, an das Jetzt und Hier 
eines Aussagenden gebunden. Dies ist die gewöhnliche Bestimmung der Ob 
jektivität von Aussagen, und in ihr ist der eigentliche Grund dafür zu suchen, 
daß die Struktur der Dichtung nicht durchschaut, die Dichtungsgattungen 
falsch definiert, Epik und Dramatik etwa als objektive Gattungen der subjek 
tiven der Lyrik entgegengesetzt wurden. 
Der Fehler liegt darin, daß in die Definition der Aussage der strukturelle 
Faktor der Wirklichkeit und damit die Ich-Origo nicht aufgenommen wurde 
— und zwar die Ich-Origo nicht nur des Aussagenden sondern auch des Emp 
fangenden der Aussage. Die Geschichtsaussage ist prinzipiell nicht anderer 
Art als die unseres ersten Beispiels. Auch sie ist in die Vergangenheit des reden 
den Subjekts oder der Ich-Origo gesetzt. Zunächst in die des Verfassers des 
Geschichtswerks. Für Kugler, der sein Werk über Friedrich den Großen 1840 
herausgab, lag die Lebenszeit Friedrichs etwa 70 Jahre in seiner Vergangenheit 
zurück. Aber dieses Werk ist auch in die Vergangenheit des jeweiligen Lesers 
gesetzt: für einen Leser im Jahre 1940 liegt das Leben Friedrichs um 170 Jahre 
zurück. Die existentielle Bedeutung der Zeit für das Erlebnis und Phänomen 
der geschichtlichen Wirklichkeit macht sich darin geltend, daß sie den >Sender< 
und den >Empfänger< der Aussage oder Mitteilung in einem Wirklichkeitsraum 
und einem Wirklichkeitserlebnis verbindet. Dies gilt sowohl für die Gleichzei 
tigkeit wie die Nicht-Gleichzeitigkeit der Existenz von Sender und Empfänger. 
Überdauert, im letzteren Falle, ein Wirklichkeitsbericht seinen Verfasser, in der 
Form eines gedruckten Buches oder hinterlassener Tagebücher usw., so tritt 
immer an die Stelle der Ich-Origo des ursprünglichen Mitteilers die des jewei 
ligen Lesers — wohlverstanden hinsichtlich des Zeiterlebnisses. Gerade dies,
	        

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