Full text: Die Logik der Dichtung

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ptom, die Grammatik, das Verhalten der Sprache selbst, das näheren Aufschluß 
über die hier vorliegenden Verhältnisse gibt. Wir können uns den Romansatz 
»Herr X war auf Reisen« fortgesetzt denken durch einen Satz von der Form: 
»Heute durchstreifte er zum letztenmal die europäische Hafenstadt, denn 
morgen ging sein Schiff nach Amerika.« Der Satz über Friedrichs Flötenspiel 
kann im Roman die Form haben: »Heute abend wollte der König wieder die 
Flöte spielen.« Hier stoßen wir nun auf das objektive grammatische Symptom, 
das in all seiner Unscheinbarkeit den entscheidenden Nachweis erbringt, daß das 
Imperfekt des fiktionalen Erzählens keine Vergangenheitsaussage ist: dies, daß 
die deiktischen Zeitadverbien mit dem Imperfekt verbunden werden können. 
Dieses Phänomen ist etwas näher zu analysieren. Es ist unmittelbar auffällig 
für die hier benutzten Zukunftsadverbien morgen, heute abend u. a., da diese 
Verbindung in keiner realen Sprechsituation möglich ist. Es ist aber auch für 
die Vergangenheitsadverbien in der realen Rede unmöglich, denn diese können 
mit dem Imperfekt nur in bezug auf das Jetzt des Sprechenden verbunden 
werden: gestern geschah dies und das. Diese Verbindung ist aber in der Wirk 
lichkeitsaussage nicht mehr möglich für eine in bezug auf das Jetzt des Aus 
sagenden schon vergangene Zeit. Versetzt sich der jetzt und hier Sprechende 
an einen zurückliegenden Zeitpunkt, etwa: am 15. Juli geschah dies und das, 
so kann er durch ein »gestern« ebensowenig ein vor diesem Tag Geschehenes 
bezeichnen wie durch ein »morgen« etwas, was sich nach ihm zugetragen hat. 
Hier sind Adverbiale wie »am Tage vorher« (bzw. »darauf«) erforderlich. Aber 
wir brauchen nur einen beliebigen Roman, literarischen oder nicht-literarischen 
Ranges, aufzuschlagen, um zu bemerken, daß diese der Wirklichkeitsaussage 
sozusagen eingeborenen logisch-grammatischen Gesetze ihre Gültigkeit ver 
loren haben. Einige Proben seien hergesetzt: 
Aber am Vormittag hatte sie den Baum zu putzen. Morgen war Weihnachten. 
(Alice Berend, Die Bräutigame der Babette Bomberling) 
... and of course he was coming to her party to-night. (Virginia Woolf, Mrs. Dalloway) 
Unter ihren Lidern sah sie noch heute die Miene vor sich ... 
(Thomas Mann, Lotte in Weimar) 
Das Manöver gestern hatte acht Stunden gedauert. (Bruno Frank, Tage des Königs) 
Man versammelte sich, und alle waren durch das gestrige Fest verstimmt. 
(Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 5. Buch, 13. Kap.) 
Er überdachte das Winterleben dieses guten Vaters, und dessen einsame bange Feier des 
heutigen Tages ... (Jean Paul, Hesperus, 7. Hundsposttag) 
Während die Verbindung des deiktischen Zukunftsadverbs mit dem Imper 
fekt, der Satz also »Morgen war Weihnachten« diesen sofort als einen Roman
	        

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