Full text: Die Logik der Dichtung

satz und nur als solchen kenntlich macht, scheint sich aus sozusagen natürlichen 
Gründen das Adverb »gestern« nicht in semantischem Widerspruch zum Im 
perfekt zu verhalten. Sehen wir aber genauer zu, reagiert im fiktionalen Text 
das Imperfekt in der Verbindung mit einem deiktischen Vergangenheitsadverb 
noch empfindlicher und beweglicher als mit einem Zukunftsadverb. Denn 
nun verschwindet es wirklich und ersetzt sich durch eine andere präteritive 
Form, das Plusquamperfekt: »Das Manöver gestern hatte acht Stunden ge 
dauert« (Beispiel 4). Die Verbindung von »gestern« mit dem Plusquamperfekt 
weist diesen Satz weniger auffällig, aber ebenso unmittelbar als Romansatz aus 
wie die des »morgen« mit dem Imperfekt. Denn in der in diesem Falle immer 
direkten Wirklichkeitsaussage muß bei gleichem Wortlaut das Imperfekt oder 
Perfekt stehen. Zwar kann in bestimmten temporalen Gefügen auch hier das 
Plusquamperfekt auftreten: das Manöver hatte gestern gerade acht Stunden 
gedauert, als ein Gewitter losbrach; aber umgekehrt kann im Romansatz nicht 
das Imperfekt, sondern einzig das Plusquamperfekt stehen. Es kann im Roman 
satz zwar heißen: Morgen war Weihnachten, niemals aber: Gestern war Weih 
nachten 63 64 , sondern nur: Gestern war Weihnachten gewesen. Dies einzig mög 
liche Plusquamperfekt in der Verbindung mit dem deiktischen Vergangen 
heitsadverb ist für das fiktionale Erzählen ebenso aufschlußreich wie die nur in 
diesem mögliche Verbindung des Zukunftsadverbs mit dem Imperfekt. Und 
beiden Tempusphänomenen liegt dasselbe Gesetz zugrunde: daß das Erzählte nicht 
auf eine reale Ich-Origo, sondern auf fiktive Ich-Origines bezogen, also eben fiktiv 
ist ei . Die epische Fiktion ist dichtungstheoretisch allein dadurch definiert, daß 
sie erstens keine reale Ich-Origo enthält und zweitens fiktive Ich-Origines 
enthalten muß, d. h. Bezugssysteme, die mit einem die Fiktion in irgendeiner 
63 Nur im Dialogsystem eines Romans, als direkte Rede einer Romanfigur, kann der Satz 
auch in dieser Form Vorkommen. 
64 Die Deutung dieser Zusammenhänge durch Brugmann läßt wiederum erkennen, daß der 
Unterschied zwischen »historischem« (also Aussage) und fiktionalem Erzählen, nicht bewußt 
geworden ist. Brugmann meint, daß »es an der Natur der ichdeiktischen Pronomina nichts 
ändert, daß sie zum Teil auch in der Erzählung vergangener Ereignisse gebraucht werden. 
Wenn nämlich Demonstrativa räumlicher oder zeitlicher Bedeutung, wie sie für die Anwesen 
heit und Gegenwart vom Standpunkte des Sprechenden aus gelten, in der Erzählung auftre 
ten, so ist dies dramatische Gebrauchsweise, ähnlich wie wenn in der Erzählung das Präsens 
statt eines Vergangenheitstempus angewandt wird. So: er saß den ganzen Tag traurig da: er 
hatte heute (statt an dem Tage) zwei Hiobsposten erhalten« (Brugmann, Demonstrativprono 
mina, S. 41 f.). Gewiß ist es richtig, daß der Gebrauch der ichdeiktischen Pronomina sich in 
der im Imperfekt erzählten Geschichte nicht ändert. Was sich ändert, ist Funktion und Be 
deutung des Imperfekts, das auch in Brugmanns Beispiel nichts Vergangenes aussagt und 
nur darum mit den Deiktika stehen kann, weil es dies nicht tut. Diese Verhältnisse werden 
verdeckt, wenn man sie auf >Dramatisierung< schiebt. Was vorliegt ist ein Mittel der Fik- 
tionalisierung, dessen gerade das Drama nicht bedarf.
	        

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