Volltext: Die Logik der Dichtung

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Weise erlebenden realen Ich, dem Verfasser oder dem Leser, erkenntnistheo 
retisch und damit temporal nichts zu tun haben 65 . Eben dies bedeutet umge 
kehrt, daß sie nicht-wirklich, fiktiv, sind. Diese beiden Bedingungen aber be 
sagen ein und dasselbe und sind nur der Deutlichkeit wegen in eine negative 
und eine positive Behauptung auseinandergelegt. Denn erst das Auftreten bzw. 
das erwartete Auftreten der fiktiven Ich-Origines, der Romanpersonen, ist der 
Grund dafür, daß die reale Ich-Origo verschwindet und zugleich, als logische 
Folge, das Präteritum seine Vergangenheitsfunktion ablegt. Ehe wir die Struk 
tur der Fiktion näher beschreiben, wollen wir an einem besonders geeigneten 
Beispiel, das eine an sich unscheinbare Stelle der deutschen Prosadichtung zur 
Verfügung stellt, zeigen, was dichtungstheoretisch der Begriff fiktive Person 
bedeutet und warum erst ihr Auftreten in einer Erzählung dieser den Charakter 
der Nicht-Wirklichkeit gibt und zugleich dem Imperfekt seine Vergangenheits 
bedeutung nimmt. 
Wir finden diese Stelle im Anfang von Stifters »Hochwald«. Sie ist darum 
besonders instruktiv für unser Problem, weil sie nicht nur eine Milieuschilde 
rung, wie der Anfang des »Jürg Jenatsch«, sondern eine Milieuschilderung in 
der Ichform ist, die später aus dem Roman verschwindet. In der Art, wie diese 
in unserem Beispiel auftritt, dient sie durch eine besonders deutliche Kontrast 
wirkung dem zu demonstrierenden Sachverhalt. Sie macht diese Stelle zu einer 
Fundgrube für den Dichtungstheoretiker, indem sie an ihr ein Nebeneinander 
von Wirklichkeitsaussage und fiktionalem Erzählen konzentriert, das deren 
logische Unterschiedlichkeit sehr schön hervortreten läßt. 
Die Erzählung beginnt mit einer Schauplatzschilderung im Präsens: 
An der Mittemachtseite des Ländchens Österreich zieht ein Wald an die dreißig Meilen 
lang seinen Dämmerstreifen westwärts ... Er beugt . .. den Lauf der Bergeslinie ab, und 
sie geht dann mitternachtwärts viele Tagreisen weiter. Der Ort dieser Waldcsschwenkung 
nun ist es, in dessen Revieren sich das begab, was wir uns vorgenommen haben, zu erzählen. 
65 So sagt D. Frey, als willkommene Bestätigung der hier sprachtheoretisch ermittelten 
Verhältnisse: »In der Epik ist Raum und Zeit des Geschehens rein objektiver Natur. Sie 
haben mit der räumlich-zeitlichen Bestimmung des Subjekts überhaupt nichts zu tun, weder 
mit der des Dichters noch der des Zuhörers; sie sind zu dieser in keinerlei Beziehung zu setzen. 
Dadurch unterscheidet sich ja auch Geschichte von der dichterischen Erzählung, indem sie 
zwar ebenfalls rein objektiver Natur ist, aber räumlich und zeitlich grundsätzlich in den kon 
kreten Raum und die konkrete Zeit, wie sie im subjektiven Erleben gegeben sind, eingeord 
net ist.« (Gotik und Renaissance, Augsburg 1929, S. 213.) — Diese Einsicht, wie auch unsere 
Darlegungen, richten sich gegen die recht verbreitete, mit der Vergangenheitstheorie nahezu 
mitgegebene Auffassung, daß der epische Erzähler, d. h. der Dichter in einem zeitlichen Ver 
hältnis, einer >Erzähldistanz<, zu dem Erzählten stünde. Sie wird prinzipiell von F. Stanzel, 
Die typischen Erzählsituationen im Roman (Wiener Beiträge zur engl. Philologie, Bd. 53, 
Wien 1955) vertreten und durchgeführt.
	        

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