Full text: Die Logik der Dichtung

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Diese präsentische Milieuschilderung ist, obwohl sie einen Roman einleitet, 
im Unterschied zum Anfang des »Jürg Jenatsch«, eine echte Wirklichkeits 
schilderung. Und zwar weist sie sich als solche nicht etwa durch die geographi 
sche Örtlichkeit, sondern durch das Präsens aus, das kein historisches Präsens 
ist, sondern das (wenn auch undatierte) Jetzt bezeichnet, in dem der Erzähler 
erzählt — weshalb wir den Begriff Erzähler hier nicht in Anführungszeichen 
setzen. Denn der Erzähler ist hier eine reale Ich-Origo, er denkt sich in die Zeit 
zurück, wo er selbst in der geschilderten Gegend, die der Schauplatz der kom 
menden Romanhandlung sein soll, umhergestreift war —■ und es kommt dabei 
nicht darauf an, ob oder wieweit diese Erinnerung echt oder unecht, d. h. fin 
giert ist. Nur auf die Form des Erzählens kommt es an, die die einer Wirklich 
keitsaussage ist, die Aussage eines echten Aussagesubjekts und damit einer 
realen Ich-Origo; und nicht zufällig wird alsbald das anfängliche allgemeinere 
Personalpronomen »wir« (das ja in theoretischen Darstellungen oft benutzt 
wird) durch das persönliche der ersten Person ersetzt: 
Ein Gefühl der tiefsten Einsamkeit überkam mich jedesmal unbesieglich, so oft und gern 
ich zu dem märchenhaften See hinaufstieg . . . Oft entstieg mir ein und derselbe Gedanke, 
wenn ich an diesen Gestaden saß . . . Oft saß ich in vergangenen Tagen in dem alten Mauer 
werke . .. 
Auch das Imperfekt dieser Stelle ist wie das Präsens der vorhergehenden 
auf das Jetzt des Erzählers bezogen. Es gibt eine Vergangenheit seines 
Lebens, die Jugendzeit, an, in der er in jener Gegend umhergestreift war. — 
Dann wird die Beschreibung des in bezug auf den Ich-Erzähler gegenwärti 
gen Schauplatzes in einen für ihn historischen Bericht übergeführt, d. h. er 
versetzt sich nun mit seiner Phantasie in eine weiter zurückliegende, von 
ihm nicht mehr erlebte Vergangenheit zurück: 
Und nun, lieber Leser, wenn du dich satt gesehen hast, so gehe jetzt mit mir um zwei 
Jahrhunderte zurück. 
Das Bild der Burg, wie sie die Phantasie aus der gekannten Burgruine her 
stellt, wird dem Leser vor Augen geführt. Aber trotzdem beginnt damit die 
Romanhandlung noch nicht. Wir haben hier vielmehr ein literarisches Bei 
spiel für den logisch-sprachtheoretischen Unterschied zwischen einer Phan 
tasie und einer Fiktion, auf den oben bereits aufmerksam gemacht wurde: 
Denke weg aus dem Gemäuer die blauen Glocken und die Maßlieben und den Löwen 
zahn . . . streue dafür weißen Sand bis an die Vormauer, setze ein tüchtig Buchentor in den 
Eingang . ..
	        

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