Full text: Die Logik der Dichtung

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Heute aber war der Tag gekommen, wo die Heerschar der Gräser und Blümlein dieses 
Rasens .. . zum ersten Male etwas anderes sehen sollten als Laubgrün und Himmelsblau . . . 
heißt es denn auch im Anfang des zweiten Kapitels »Waldgang«. Und hier 
bietet unser instruktiver Text noch einmal die Möglichkeit, sich das Gesetz 
des fiktionalen Erzählens durch seinen Gegensatz, die Wirklichkeitsaussage, 
recht deutlich zu machen. Denn zu Beginn dieses Kapitels tritt noch einmal 
die wirkliche Ich-Origo dieses Erzählers ein und verdrängt, unterbricht die 
Fiktion. Er schildert wiederum die Landschaft, wie sie zu seiner Zeit, der 
Zeit, in der er erzählt, »heutzutage« noch ist: 
Es sind noch heutzutage ausgebreitete Wälder und Forste um das Quellengebiet der Mol 
dau . . . An dem Laufe des frischen Waldwassers . .. und in dem Tale geht heutzutage ein 
reinlicher Weg gegen das Holzdorf Hirschbergen .. . Damals aber war weder Dorf noch 
Weg sondern nur das Tal und der Bach . .. 
In diesem Textstück erfüllen Präsens und Imperfekt wieder, wie in der 
Anfangspartie, ihre natürliche grammatische Funktion, die Gegenwart und 
die Vergangenheit des >redenden Subjekts< zu bezeichnen, und die Tem 
poraladverbien »heutzutage« und »damals« sind daher in grammatisch 
richtiger oder natürlicher Weise mit ihren Tempora verbunden. Und zwar 
erweist sich das »war« des letzten Satzes nur dadurch als ein echtes Imper 
fekt, ein Imperfekt der Wirklichkeitsaussage, weil es in Gegensatz zu dem 
»heutzutage« des Präsenssatzes steht, sowie sich auch eben deshalb das 
»damals« als ein in eine echte Vergangenheit zurückweisendes Adverb er 
weist. 
Unser Text tut uns aber nun den Gefallen, unmittelbar darauf dem echten 
Heute ein fiktives Heute, dem echten Präteritum ein unechtes, fiktionales ent 
gegenzusetzen, indem er nämlich in dem schon oben zitierten Satze aus die 
ser Stelle »Heute war der Tag gekommen« das »heute« mit dem Plusquamper 
fekt verbindet. Mit diesem Satze geht denn auch die anfängliche Wirklich 
keitsaussage über eine vergangene Zeit wieder in das fiktionale Erzählen über, 
das »heute« bezieht sich nicht mehr auf den Standpunkt des Erzählers, son 
dern auf das fiktive Jetzt und Hier der Romangestalten: 
Klare, liebliche Menschenstimmen — Mädchenstimmen — drangen zwischen den Stäm 
men hervor, unterbrochen von dem teilweisen Anschläge eines feinen Glöckleins . .. 
Und durch weitere Einbrüche einer realen Erzähler-Origo, weitere Prä 
sensbeschreibungen (die in dieser Erzählung diese Einbrüche kennzeichnen 
und niemals den Sinn des historischen Präsens haben) nicht mehr unterbro 
chen, rollt nun die fiktive Romanwelt sich weiter auf und ab — in einer
	        

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