Architekten. Sie beschäftigten sich mit pneumatisch
gespannten Membrankonstruktionen seit vielen Jahren,
Sie haben ein Archiv mit einer umfangreichen - zum
Teil selbst verfaßten - Literatur und waren die Haupt-
akteure auf drei internationalen Kongressen (Stuttgart
1967, Delft 1972, Baltimore 1973), die ausschließlich
zum Thema "Technische Pneus" abgehalten wurden.
Sie sammeln, was man auf der Welt über Pneus weiß
"gemessen am Umfang des Problems ist das allerdings
sehr wenig). Sie können auf eine verhältnismäßig lange
Intwicklungszeit hinweisen, Seit Montgolfiers Warm-
Juftballonen und Fallschirmen von 1783 und seit Lan-
zhesters ersten Vorschlägen für luftgestützte Hallen um
1917 haben sich neben Walter Bird, der sie in der
Praxis um 1950 einführte, viele Fachleute in aller
Welt mit dem Pneu beschäftigt.
Es gibt Tausende von "Pneu"- Bauten, den sogenannten
Luft- oder Ballonhallen. Es gibt eine bemerkenswerte
Zeltindustrie, die jählich große Pneus mit einer Ge-
samtfläche von mehreren Millionen m‘ produziert. Es
gibt eine Reifen- und Schlauchindustrie, die Pneus in
Großserien herstellt.
Der technische Pneu hat eine breite Praxis. Luftgetra-
gene Zelthallen mit Spannweiten über 100 m sind kein
Problem mehr. Es gibt Projekte von mehreren Kilo-
netern Größe zur Überdachung ganzer Stadtlandschaften
Konstruktionen, mit denen man große Spannweiten
erreichen kann, Übertragen auch bei kleineren Spann-
weiten große Kräfte mit einem extrem niedrigen Auf-
wand an Material, Sie gelten als "optimiert".
Mit "Pneus" kann man nachweislich die größten Spann-
weiten erreichen, die auf dieser Erde konstruierbar sind.
Sie gehören zu den leichtesten Flächentragwerken der
Technik. Wenn man Pneus bei kleinen und kleinsten
Spannweiten in der lebenden Natur vorfindet, dann
ı1aben sie aus Gründen der geometrischen und konstruk-
tiven Ähnlichkeit auch dort die gleichen Qualitäten.
Sie sind (technisch gesprochen) optimierte Leichtkon-
struktionen.
Wenn auch die pneumatischen Membrankonstruktionen
noch ganz am Anfang einer großen technischen Ent-
faltung zu stehen scheinen, so zeichnet sich das neue
Fachgebiet in seiner Gesamtheit bereits ab.
“Ur die Architekten dieses Hauses ist der Pneu eine Ur-
iorm der Konstruktionen. Er ist die einfachste Hülle,
der simpelste Raumbildner, leicht und nackt, denn
nichts bleibt verborgen. Form und Kräfte stehen im
Nechselspiel,
Yon Biologie verstehen Architekten nur wenig. Ganz-
1eitlich engagiert versuchen sie sich mit der erlernten
Schulbiologie den Problemen der anderen Partner zu
1dhern.
Die Biologen und der Pneu
Die andere Gruppe sind die Biologen. Sie sind in der
Mehrzahl . Bis auf die Aktiven, die hier echt mitarbei-
‘en und um die Probleme ringen (das sind Bereiter-Hahn,
Sutmann, Helmcke, Nachtigall, Schill) waren sie
jekommen, um interessiert sich über die Pneutechnik
nterrichten zu lassen,
Die Biologen sind nicht unvorbereitet. Sie haben auf
dem Gebiet der Pneus ein umfangreiches Arsenal von
Informationen und Fachwissen. Sie sind Experten, die
nit Tausenden von speziellen Begriffen spielend um-
gehen, wovon sich mehrere Dutzend sogar auf den
?NEU beziehen. Es sind Experten, die bestens infor-
niert sind, über Membranen, Abschlußgewebe, bio-
chemische Substanzen, Druckdifferenzen, Wachstums-
snd Umwandlungsprozesse, die viele typische Pneus gut
cennen und die bereits auf grundlegende Literatur aus
dem vorigen Jahrhundert hinweisen können.
Für sie Ist ein biologisches Objekt dann besonders
>eachtenswert, wenn seine Entwicklungsgeschichte
arkl&rbar wird.
der Biologe denkt in Prozessen von Jahrtausenden und
Jahmillionen. Er ist heute zudem stark biochemisch
orientiert. Für biochemische Prozesse ist die Verpackung
wichtig. Sie ist Raumabschluß, Gefäß, Behälter, Sieb.
Jedoch nur wenige Spezialisten unter den Biologen
seschiftigen sich heute noch mit der Fihigkeit biolo-
gischer Objekte zur Weiterleitung von Kräften, Die
große Zeit der biotechnischen Entdeckungen auf diesem
Gebiet scheint das Ende des 19. Jahrhunderts gewesen
zu sein, als zur gleichen Zeit mutige Ingenieure, unter
:hnen Eiffel, riesige Brücken und Türme mit knochen-
artigen Skeletten und der Gärtner Paxton gigantische
Slashäuser bauten,
AusgerUstet mit dem physikalischen Allgemeinwissen
ond vielleicht etwas belastet von einer bautechnischen
Tradition, die unter Architektur etwas anderes ver-
;teht als die heutigen Architekten, mußte dem technisch
‘nteressierten Biologen bisher als selbstverständlich
arscheinen, daß Kräfte vornehmlich über "feste" Teile
aufgenommen und abgeleitet werden, also über Knochen,
Schalen, Panzerungen, Verholzungen.
Das ist auch keinesfalls falsch, hindert jedoch daran
zu denken, daß die extremsten Belastungen, die
überhaupt Objekte bei verhältnismäßig geringem
Massenaufwand aushalten können, gar keine "festen"
<örper benötigen, So ist beispielsweise die hydrosta-
"sche Belastbarkeit von Flüssigkeiten (bzw. Gasen)
axtrem hoch und auch die Zugbelastbarkeit von weichen
-äden, Sehnen, Häuten, Beide "Konstruktionen" sind
beim Pneu in einem System vereinigt,
Biologen geben heute gern zu, daß sie über feste
{onstruktionsteile mehr wissen, als Uber die Verpackun-
yen. Verpackungen wirft man weg. In der Biologie
werden sie gefressen und verwesen schnell. Die bio-
ogischen Pneus sind unbestiindig. Man kann sie ent-
vicklungsgeschichtlich nicht aufdecken. Es gibt kaum
‘ossile Funde. Man kennt also die Pneus nicht, Ein
Objekt muß zudem leben und gesund sein, wenn man an
'hm seine pneumatischen Tragfähigkeiten studieren
will. Schon im Alkoholpräparat hört die Möglichkeit
der Beobachtung weitgehend auf.
cs gibt noch dazu unzählige und höchst unterschiedliche
Pneus, von denen jeder einzelne die Fähigkeit hat, seine
orm in extremer Weise zu dndern. Bis heute sehen es
2inige Biologen als aussichtslos an, die bisher bekann-
en Pneus wegen ihrer großen Anzahl und vermeintlich
"ehlenden Festigkeit zu ordnen oder zu katalogisieren.
Die Entstehung dieses Gesprächs
Der Zeitpunkt für dieses Gespräch war thematisch
gesehen der frühest mögliche. Die Bedeutung des Pneus
als das Bauelement der lebenden Natur kann erst jetzt
erkannt werden, denn das technische Grundlagen-
wissen der Pneus wurde erst in den letzten zwei Jahr-
zehnten geschaffen.
Im Bereich unserer Kooperation war es Helmcke, der
1961 unbewußt den Anstoß gab, als er den minuten-
ichnellen Herstellungsprozess der hochkomplizierten
schalen von Kieselalgen mit einer hypothetischen