Full text: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1874)

Für die Entwicklung dieser Kunst, welche in Paris ihren 
Hauptsitz seit Jahrhunderten aufgeschlagen, wirkten auch die dorti 
gen Verhältnisse besonders günstig mit. 
Pracht und Kunst liebende Fürsten förderten beim Erwachen der 
Renaissance hauptsächlich durch Herbeiziehung italienischer Künstler 
auch diesen Zweig der Kunstindustrie — ich erinnere Sie nur an 
Benvenuto Cellini's Aufenthalt in Paris — und veranlaßte 
neben der ausgezeichneten Technik, welche sich die Pariser leicht an 
eigneten, die Ausbildung des Geschmacks in eminenter Weise. 
Paris mit dem Innern Frankreichs genoß das große Glück 
vor den, die anderen Staaten des Kontinents, besonders Deutsch 
land, verheerenden Kriegen verschont zu bleiben und wurde nur 
durch die Revolutioszeit unterbrochen, wodurch sich die Technik 
durch alle Wechsel der Geschmacksrichtungen hindurch einen Stamm 
tüchtiger Arbeitskräfte bewahrte und damit einen sehr schwer ein 
zuholenden Vorsprung gewann. 
Die größeren statuarcn Bronccgußarbeiten erlitten im Lauf 
der letzten Jahrhunderte wenig Unterbrechung und wurden beson 
ders in dem gegenwärtigen durch die Ausführungen der Vendome- 
und der Juli-Säulen, des Grabmals Napoleons u. s. f. bedeutend 
in der Technik gefördert. 
Die französischen Gießer verließen bei diesen die ältere Form 
methode, indeni sie statt dem Ausschmelzen der in Wachs model- 
lirten Modelle, das Formen über Gypsmodelle in Formmasse und 
Formsand einführten und erreichten dadurch zu gleicher Zeit in der 
Darstellung von Broncegußwaaren für die Klein-Industrie eine 
große Sicherheit und hohe Vollendung. Sie wurden besonders in 
diesen Arbeiten die Lehrmeister der anderen Nationen, wie sie es 
in der der Geschmacksrichtung fast heute noch sind. 
Neben den Gießerei-Arbeiten wurden aber die getriebenen 
Arbeiten (rexousse) eifrig gepflegt und ebenso die galvanoplasti 
schen Reproduktionen. 
In der Ausstellung überraschten die eingelegten und email- 
lirten Metall-Arbeiten in champ leve und cloissone von Bar- 
bedienne, Christophle rc., welche das fleißigste und eingehendste 
Studium der in diesen eminent schönen Arbeiten einzig dastehenden 
Kulturvölker Asiens, Chinas und Japans und bedeutende Fort 
schritte seit der Ausstellung von 1867 bekunden. 
Paris bewahrte in den reichen Ausstellungen von Statuetten, 
Pendules, Moeubles (weniger in der von Lustres) in der untadel 
haften Vergoldung, der schönen Färbung der Broncen seine erste 
Stelle in der technischen Ausführung, wenn auch über die Ge 
schmacksrichtung einzelner Aussteller die Ansichten auseinander 
gehen. 
Die Verbindung von Broncearbeiten mit anderen Erzeugniffen 
der Kunstindustrie wie mit Holz-, Glas-, Lederarbeiten u. dergl., 
die zwar der stets schwankenden Mode unterworfen, doch beständig 
durch tüchtige Künstlerhände gepflegt und gestützt werden, sowie 
der Schutz der Kunstindustrieprodukte gegen Nachahmung, Alles 
dieses zusammen fördert fortwährend die technische und künstlerische 
Ausbildung der französischen Arbeiter, deren Erzeugnissen Paris 
als Welthandelsplatz dient. 
Die Natur bietet überdieß dem ganzen Zweige der Gießerei- 
Industrie ein Hauptmaterial: den Formsand — in der nächsten 
Umgebung von Paris (zu Fontenay aux roses) in den geeignet 
sten Mischungen für die verschiedensten Zwecke. Dieser große Vor 
theil förderte auch die in den ersten Dezennien dieses Jahrhunderts 
sich entwickelnde Eisengießerei, welche, der Metallgießerei sich 
anschließend, eine rasche Ausbildung und eine hohe Vollendung, be 
sonders in größeren statuaren Kunstgußerzeugnisscn gewann, die in 
Wien wie 1867 in Paris, die Bewunderung der Fachmänner fand. 
Ich erinnere hiebei nur an die großartige Ausstellung der Eisen 
gießerei von Barbazet in Val d’Osne. 
Die Zinkgießerei wurde in Paris ebenfalls frühzeitig ge 
pflegt und in bedeutenden Etablissements ausgebildet, indem das 
billige, die Formen leicht füllende Material sowohl in der Archi 
tektur für dekorative Zwecke, als im Handel für billige statuare rc. rc. 
Gegenstände raschen Absatz fand, der sich durch Einführung von 
Stereolypformen noch erhöhte und Paris dadurch auch in diesen 
billigen und schönen Produkten den ersten Rang gewann. In der 
Nachahmung von Broncen in täuschender Färbung, besonders nach 
antiken Meistern, leisteten Blot und Drouard Ausgezeichnetes, 
welche durch bedeutende Ankäufe neu entstehender Gewerbemuseen 
und Liebhaber großen Absatz gewonnen haben. 
Ein weiteres Eingehen in die Details dieser französischen 
Industrie würde zu weit führen und gehe ich deßhalb zu Eng 
land über, das in Beziehung auf technische Ausführung ebenfalls 
Tüchtiges brachte. Auch England befindet sich in der glücklichen 
Lage, seit Jahrhunderten einen Stamm von Arbeitskräften in der 
Broncegießerei, besonders in Birmingham erhalten zu haben, wenn 
sie auch weit weniger Pflege genoß als die französische, während 
sie in künstlerischer Entwicklung und Ausbildung bedeutend gegen 
diese zurückblieb. 
Die erste Weltausstellung zu London von 1851 gab zur Ver 
gleichung die günstigste Gelegenheit und zeigte England die be 
stehende große Kluft. 
Die Wiener Ausstellung ergab nun, mit welch großem Fleiß 
die englische Industrie bemüht war, in dieser kurzen Zeit sich 
empor zu arbeiten, und daß hiezu die größten Opfer nicht gescheut 
wurden. Die großartige Schöpfung des Kensington-Museums 
leistete bereits Außerordentliches und durch Herbeiziehnng französi 
scher Künstler und Arbeiter hob sich ebenfalls die Geschmacksrich 
tung in nicht zu verkennender Weise, die bereits auch schon 1867 
in Paris zur Geltung gelangte. 
Der von Ellington in Birmingham daselbst ansgestellte so 
genannte Milton-Schild in getriebenem Silber und Stahl mit 
Verzierungen in damaszirtem Stahl zog hier schon die höchste Auf 
merksamkeit sowohl wegen Komposition als Ausführung auf sich. 
Noch weit höher stellte sich aber die, von diesem Hause in Wien 
ausgestellte Musik und Poesie verherrlichende Helicon-Vase in 
Mitte einer der reichsten Ausstellungen, von den werthvollsten Ar 
beiten der Silberschmiedekunst und feinen Bronce-Arbeiten umgeben. 
Diese bedeutenden Arbeiten, die schönsten Kabinetsstücke ihrer 
Art, sind aber die Erzeugnisse eines französischen Künstlers Moreil 
Lateuil. Die ganze in italienischer Renaissance komponirte Arbeit 
ist in Konception wie Ausführung, in Schönheit der Zeichnung, 
Zartheit der Ausführung und meisterhafter Ueberwindung aller 
technischen Schwierigkeiten ein ausgezeichnetes Kunstwerk. 
Aus einer länglichten Plattform erhebt sich in der Mitte eine 
große prächtige Vase zwischen 2 sich den Rücken kehrenden sitzenden 
Figuren in Silber, der Musik und der Poesie. Die Vase wird von 
2 Knaben gekrönt, von welchen der obere Apollo's Leyer hält und
	        

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