Volltext: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1874)

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welcher nach Stuttgart gekommen war, um irgend eine Straße 
mit dem genannten Material herzustellen, erklärte die untere Kö 
nigsstraße als hiezu nicht geeignet, weil namentlich bei nasser 
Witterung die große Menge Morast, welche an den Rädern der 
von der Ludwigsburgerstraße kommenden Fuhrwerke auf die As 
phaltschichte hereingeschleppt werde, dieselbe gänzlich verdecke und 
dadurch alle Vortheile dieses Materials verloren gehen; es konnte 
sich somit nur noch um eine Beschotterung mit einem geeigneten 
Material handeln, und da als selbstverständlich angenommen wer 
den dürfte, daß die weichen Kalksteine das untauglichste wäre, so 
blieb nichts anderes übrig, als Basaltsteine zu verwenden; die 
Proben, welche gegenwärtig mit dem Porphyr und Granulit ge 
macht werden, werden in nicht zu ferner Zeit zeigen, ob sie für 
die hiesigen Straßen besser sind als der Basalt, und dann wird auch 
für die Königsstraße das geeignete Material ausgewählt werden. 
Was die örtliche Lage und die Gefälls- sowie sonstigen Ver 
hältnisse der oben erwähnten 4 Straßen betrifft, so ist zu erwähnen, 
daß ihre Richtung nahezu eine parallele, von Südwest nach Nordost 
laufende, ihr Gefäll ein sehr geringes und deshalb für den Wasser 
ablauf ganz ungünstiges ist; ferner daß die Straßen, mit Aus 
nahme der Böblingerstraße, auf beiden Seiten angebaut, somit 
dem Luft- und Lichtzutritt ebenfalls nicht günstig sind; endlich daß 
sie, mit Ausnahme der Eberhardsstraße, zu den frequentesten Straßen 
der Stadt gehören und als solche nicht wohl mit Kalksteinen, sondern 
mit einem besseren Material unterhalten werden müssen. 
Hinsichtlich der Art der Unterhaltung der hiesigen Straßen 
ist zu erwähnen, daß der bedeutende Verkehr einerseits eine baldige 
Verschlechterung und andererseits den Ausbesserungsarbeiten viele 
Schwierigkeiten verursacht. Die Beifuhr der Materialien von den 
an den Endpunkten der Stadt gelegenen Lagerplätzen, sowie das 
Ausbreiten der Steine durch die Arbeiter, welche von den vielen 
Fuhrwerken fortwährend belästigt werden, ist sehr schwierig und 
deshalb auch kostspielig. Namentlich ist das Ausbessern schadhafter 
Strecken trotz aller Sorgfalt immer eine mißliche Sache, weil ehe 
die Ausbesserungen vollendet sind, ein Theil des Geschlägs, welches 
von den Arbeitern nicht rechtzeitig an seine gehörige Stelle kommt, 
bei seinem losen Herumliegen zerdrückt wird und auf diese Weise 
nutzlos verloren geht. Ferner haben die erforderlichen Ausbesse 
rungen nicht immer die Ausdehnung, daß es sich lohnt, die Walze 
anzuwenden und sie unter Beimengung von Sand oder Kies zu 
einer ebenen Fahrbahn festzuwalzen; findet- aber die Verbindung 
des Geschlägs erst durch den Druck der Wagenräder statt, so ist 
sie nicht an allen Orten eine gleichmäßige, sondern es werden sich 
in kurzer Zeit Leise bilden und die Ausbesserung ist nicht von 
langer Dauer; endlich werden die auszubessernden Strecken immer 
etwas höher angeschüttet als ihre feste Umgebung, weil für die 
ersteren eine Senkung in Rechnung genommen wird, durch diese 
Erhöhungen entstehen aber Unebenheiten, sowohl im Längenprofil 
als im Querprofil der Straßen, welche den Verkehr wesentlich 
belästigen. Diese Uebelstände haben darauf geführt, die partiellen 
Ausbesserungen der frequenteren Straßen nicht als die hauptsäch 
lichste Methode der Straßenunterhaltung, sondern nur in soweit 
zu wählen, als solches unumgänglich nothwendig ist, um durch 
schwaches AusMen der ausgefahrenen Stellen das Gesammtniveau 
der Straße zu erhalten, dagegen werden vollständige Beschotterun 
gen vorgenommen, sobald eine Abnützung der Fahrbahn um 
8—10 zm. stattgefunden hat. Eine solche Beschotterung und 
Einwalzung kann allerdings auch nicht ohne Belästigung des Ver 
kehrs hergestellt werden, allein man hat in wenigen Tagen wieder 
eine vollkommen ebene und feste Fahrbahn, welche eine längere 
Dauer hat, so daß die Verkehrsstörungen viel seltener sind als bei 
den partiellen Ausbesserungen. Es wird kaum nothwendig sein 
zu erwähnen, daß Grundsätze, welche bei der Unterhaltung von 
Londstraßen allgemein gültig sind und auch ihre volle Berechtigung 
haben, wie beispielsweise, daß vollständige Beschotterungen nur zu 
gewissen Jahreszeiten, nämlich im Frühjahr und Spätjahr, bei 
günstiger Witterung vorzunehmen sind, bei der Unterhaltung der 
Stadtstraßen nicht immer durchgeführt werden können, durch die 
sehr verichiedenen Grade der Frequenz, sowie durch Witterungs 
und andere Verhältnisse kann man genöthigt werden, Ausbessernn- 
gen zu jeder Jahreszeit vornehmen zu müssen, es ist dieses nament 
lich in denjenigen neueren Straßen der Fall, wo durch die 
Aufführung von Neubauten, beziehungsweise Beifuhr der hiezu 
nöthigen Baumaterialien und Abfuhr bedeutender Erdmassen, die 
Fahrbahnen sehr schnell abgenützt werden. 
Wenn ich mit einer Bemerkung über den Zustand der chaus- 
sirten Straßen Stuttgarts in der letzten Zeit schließe, so kann diese 
leider nicht anders lauten, als daß dieser Zustand nicht als ein 
befriedigender bezeichnet werden darf, wofür jedoch, wie schon er 
wähnt, die lange Zeit anhaltende ungünstige Witterung der beiden 
Winter, sowie die gar nie aufhörenden Ausgrabungen mit Recht 
als Grund angeführt werden können; andererseits wird aber das 
Bestreben der Stadtverwaltung dahin zu richten sein: 
1) frequente Straßen, insofern es wegen der noch auszuführen 
den Kanäle, Gas- und Wasserleitungen nicht unthunlich ist, 
zu pflastern und 
2) für die Unterhaltung der auch in Zukunft mit chaussirten 
Fahrbahnen versehenen Straßen ein besseres dauerhafteres 
Material zu verwenden. 
In nachstehender Zusammenstellung ist der Aufwand des 
Rechnungsjahrs 18 72 / 73 dargestellt: 
Die Gesammtflächen der chaussirten Straßen incl. der öffent 
lichen Plätze beträgt 20 Hot. 58 Ar. und 50,0 □m. oder 65 2 / 8 
Mrg. 24 Rthn.; an Materialien wurden verwendet: 
1700 cbm. Pflasterschiefer zu schlagen . . 2293 fl. 9 kr. 
1918 „ Liaskalksteine zu liefern und zu 
schlagen 7792 fl. 22 kr. 
5598 „ Muschelkalksteine 20386 fl. 46 kr. 
814 „ Basaltsteine 7855 fl. 19 kr. 
1665 „ Kies und Sand als Bindemittel 3497 st. 57 kr. 
Taglöhner und Fuhrwerke haben gekostet . 61669 fl. — kr. 
Abmorasten einer Anzahl Straßen im Wege 
des Akkords 3922 fl. 49 kr. 
Gehalt für 5 Straßenwärter ä 430 fl. . 2150 fl. — kr. 
Walzen der Straßen 3473 fl. 35 kr. 
Begießen derselben 2528 fl. 32 kr. 
Zusammen 115,596 fl. 29 kr. 
Stuttgart, im Juni 1874. 
Städt. Baurath Kaiser.
	        

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