Full text: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1874)

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Sämmtliche Traufen sind mit Umgängen versehen, deren 
Steingeländer sich an die Belastungspyramiden der Strebpfeiler 
anschließen. An den vier Ecken des Langhauses springen mit 
Laternen gekrönte Wendeltreppenthürmchen aus, welche die Zugäng 
lichkeit der Dachumgänge vermitteln. Die beiden östlichen gehen 
von Grund aus, die beiden westlichen entwickeln sich höher oben je 
aus den beiden Eckstrebpseilern und laufen die Treppen unter dem 
Stirnrande der sich an den Thurm anschließenden Halbgiebel stei 
gend fort um in die obern Stockwerke des Thurms zu führen. 
Dieser ruht an seiner Ostseite auf zwei Freipfeilern so, daß die 
beiden Nebenseiten offen bleiben um der darunter aufzustellenden 
Orgel größere Breitenausdehnung zu gewähren. 
Die Bedachung besteht aus Zink nach dem belgischen Leisten 
system eingedeckt. Die Verwahrungen der Firste und die Rinnen 
an den Traufrändern bestehen aus Bleiblech, ein durchbrochener 
Kamin aus Schmideisen folgt den Linien der Firste. 
Der Umgang an der Traufe des Hochwerks setzt sich auch 
an den drei nach aussen gekehrten Seiten des Thurmes fort und 
ist derselbe in der Höhe des Hochwerkdaches, wo sich die Uhr 
stube befindet, noch viereckig. Die Uhrtafeln sind an diese drei 
Außenseiten, unter Ziergiebeln gefaßt, angebracht. In deni 
Stockwerk darüber erfolgt der Uebergang in das Achteck, während 
die vier Eckfialen frei in die Höhe streben. Ein zweiter Um 
gang läuft in der Fußhodenhöhe dieses Stockwerks um die 
Thürmerstube her und sind die acht Strebepfeiler zu diesem Zwecke 
mit den nöthigen Durchlässen versehen. Darüber erhebt sich 
das Glockenhaus hoch und luftig und aus demselben ruht die 
Helmspitze, wie die untern Theile des Thurms gleichfalls in Quader 
werk ausgeführt und an den Kanten mit kräftig ausladenden 
Krappen verziert. 
Ein dritter Umgang begleitet den Fuß der Pyramide. Bei 
deren geneigten Feldern wechseln der Höhe nach volle und durch 
brochene Abtheilungen mit einander ab, die vollen sind an den 
Außenflächen schuppenförmig gearbeitet, die durchbrochenen mit 
Maaswerk gefüllt; die dabei verwendeten Steinplatten haben eine 
durchschnittliche Dicke von acht Zoll. 
Die Linie vom Fuß der Pyramide bis zu ihrer Spitze ist 
keine gerade, sondern nach außen gekrümmt, d. h. in drei Absätze 
getheilt, wovon der untere steiler als der zweite und dieser steiler 
als der dritte gehalten wurde, so daß der Effect der herrlichen 
Freiburger Helmspitze, die auch gekrümmt ist, dadurch in glücklicher 
Weise nachgeahmt ist. 
Für die Zugänglichkeit des Innern der Pyramide soll über 
dem Glockenstuhl eine eiserne Wendeltreppe angebracht werden, die 
sich in der Axe der Pyramide bis in die oberste Laterne fortsetzt. 
Für den Durchgang derselben ist die nöthige kreisförmige Oeffnung 
im Schluß des Glockenhausgewölbes gelassen. 
Die Art der Ueberführung der rechteckigen Grundform, welche 
die Thurmsubstruction darbot, in die quadratische, wie sie in dem 
obern Theile des Thurms nöthig wurde, interessirte die Besucher 
ganz besonders, sie wurde dadurch bewerkstelligt, daß die gerad- 
läufigen Treppen an den Stirnen der Seitenschiffhalbgiebel im 
rechten Winkel umkehrend in die südliche und nördliche Wand 
dicke des Uhrgeschosses verlegt wurden und sich dadurch in der 
einen Richtung eine Verengung des Jnnenraums erzielen ließ. 
Die Einschränkung die hiedurch nicht völlig erreicht war, wurde 
durch zwei mit den Innenwänden dieser Treppenhäuser verbundene 
Bogen vervollständigt. In der andern Richtung wurde durch 
einen von einem westlichen Thurmpfeiler zum andern vor dem 
Orgelfenster vorübergesprengten Vorbogen die Breite des äusseren 
Umgangs gewonnen, östlich dagegen durch Ueberkragung gegen den 
Dachstuhl hin. 
Demzufolge ruht der eigentliche Kern des Glockenhauses senk 
recht auf der westlichen Sargenwand und dem östlichen Orgelbogen, 
südlich und nördlich dagegen auf der Innenwand des Treppen 
aufgangs. Der darüber her führende Umgang ist sonach östlich 
und westlich in Ueberkragung südlich und nördlich läuft er über 
den Treppenhäusern weg. 
Die abgestumpften Achteckseiten sind einwärts im Nacken der 
Hilfsbogen durch übersetzte Quader unterstützt. 
Bei Besichtigung des Innern war die Ausfüllung der Ge- 
wölbfelder über der Sakristei mit Schwemmsteinen bereits vollendet, 
diejenige der Gewölbe unter den Emporen war kurz vorher fertig 
geworden und mit der Einwölbung der Seitenschiffe war man eben 
beschäftigt, diese wurde wie die eben erwähnten mit hohlen nahezu cylin- 
drischen Töpfen ausgeführt, um eine geringe Belastung und wenig 
Seitenschub zu erhalten und die Wölbungen des Hochwerks werden in 
gleicher Weise hergestellt werden. Die Töpfe haben Durchmesser von 
3 bis 6 Zoll, so daß je zwei ineinander gebrannt werden konnten, 
oben sind sie offen und in der Mitte des Bodens haben sie ein 
zollweites Loch das für den guten Brand nöthig ist und auch zum 
Halt des Verputzes Vortheile gewährt. 
Die Rippen bestehen aus Cementguß in Stücken von durch 
schnittlich 1 1 / 2 Fuß Länge, die Anfänger, wo theilweise die Rippen 
ineinander laufen, sind aus Haustein, ebenso die Schlußsteine, an 
denen sich kurze Rippenansätze befinden, um einen pünktlichen An 
schluß zu erhalten. 
Die Cementrippen haben in der Höhe des Wölbmaterials 
einen Kamm, der nicht nöthig gewesen wäre, wenn sämmtliche 
eine Reihe bildende Gewölbe gleichzeitig eingeschalt und einge 
wölbt worden wären, die aber bei der hier gebotenen stückweisen 
Ausführung sich als ganz entsprechend erwiesen, abgesehen davon, 
daß er den einzelnen Rippen größere Berührungsflächen darbot. 
Besonderes Interesse gewährte die Art der angewandten Rüstung 
des Thurms, bei dessen unterm Theil von der Höhe der Schiff 
traufen an bis zu einem Drittel der Höhe des Glockenhauses ein 
drehbarer Krähn für die Materialförderung und das Versetzen des 
Quaderwerks verwendet war. Für den obern Theil diente später 
ein Gerüst außen um den Thurm her, das nach Bedürfniß stock 
werkweise ausgesetzt wurde und dessen unteres Stockwerk auf den 
Umgang in der Hochwerks-Traufhöhe gestützt, zuerst zum Abbruch 
und Herablassen des Krahns verwendet wurde. 
Die Stockwerke wurden nach Maßgabe der Verjüngung des 
Thurms nach oben immer kleiner an Grundfläche. Westlich, 
wo allein ein Zugang für Fuhrwerke war, ragte das untere Stock 
werk um so viel über die Fayade hinaus, als die Aufzugvorrich 
tung erheischte, und um die obern Stockwerke zurückrücken zu können, 
waren etliche Abladegerüste in verschiedener Höhe angeordnet, von 
wo aus die Steine je wieder durch die höher oben angebrachten 
Hebevorrichtungen gehoben werden konnten. 
Es wurde so der Vortheil erreicht, daß das Material nicht 
zu lange unterwegs blieb, da auf einem Abladegerüst immer 3 bis
	        

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