Full text: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1874)

11 
5 Steine Platz hatten, die Mannschaft also ihre Zeit besser aus 
füllen konnte und nicht immer ausschließlich mit demjenigen Quader 
beschäftigt war, der eben gesetzt werden sollte, auch war dadurch 
der Uebelstand eines allzulangen Seils vermieden, das auf der 
Trommel der Hebevorrichtung ganz aufgewickelt einen lästig großen 
Durchmesser erhält und außer Verhältniß zur Länge des Kurbel 
armes kommt. 
Der Erbauer hat eine genauere Beschreibung dieser Gerüste 
mit Abbildungen für den Verein für später zugesagt, die auch be 
züglich der bei dem Bau des Schiffs verwendeten Rüstung einiges 
Interesse darbieten wird, weil bei deren Anordnung von höchster 
Einfachheit, im Laufe des Baus mehrfache Umgestaltungen nöthig 
wurden in dem Maße, als der Bau in die Höhe gedieh und die 
unten verwendeten Hebevorrichtungen nicht mehr ausreichten. 
Die Zweckmäßigkeit dieser sämmtlichen Rüstungen geht auch 
daraus hervor, daß während der ganzen Dauer des Bauwesens 
nicht das mindeste Unglück sich ereignete. 
Alle Anwesenden waren hoch erfreut über das durch alle 
: Theile meisterhaft ausgeführte Gebäude und den erhebenden Ein- 
i druck von Innen und Außen, insbesondere über den in den schön- 
> sten Verhältnissen aufstrebenden, bis zur obersten Spitze massiv 
ausgeführten Thurm. 
In warmen Worten hob der Vorstand hervor, wie es un- 
serem verehrten Leins gelungen feie, mit schwachen Geldmitteln 
p anfangend, durch seine Beharrlichkeit während einer Reihe von 
s Jahren ein so reich durchgeführtes Gotteshaus seiner nahen Voll- 
i endung entgegenzuführen, wie bereits der mit seiner mächtigen 
- Kreuzblume gekrönte Thurm schon eine Reihe von Legaten an sich 
gezogen habe und so es dem Zauber dieses Bauwerkes auch sicher 
1 gelingen werde, bald das fehlende Geld zum vollen Ausbau zu 
. schaffen, in welche Wünsche sämmtliche Anwesende, Herrn v. Leins 
- den genußreichen Nachmittag freundlich verdankend, einstimmten. 
Es wurde nun noch das in der Nähe der Johanniskirche in 
der Johannisstraße von Herrn Staatsbaurath Wolfs im Renais- 
: sance-Styl erbaute dreistöckige Doppel-Schulhaus, an dem das kräf 
tige massive Hauptgesims wohlthuend mit dem Uebrigen zusammen 
wirkt, besichtigt, worauf ein größerer Theil der Mitglieder auf der 
Silberburg noch einige Stunden in Geselligkeit verbrachte. 
Fünfzehnte Versammlung den 15. Dezember 1874. 
Vorsitzender: Oberbaurath v. Schlierholz. 
Schriftführer: Architekt Halber. 
Anwesend: 25 Mitglieder. 
Das Protokoll der vorgehenden Sitzung wird verlesen und 
gutgeheißen. 
Herr Bauinspektor Banholzer von Biberach, welcher un 
serer heutigen Sitzung anwohnte, wird vom Vorsitzenden begrüßt. 
Herr Architekt Gerok wird durch Herrn Bauinspektor Knoll 
zur Aufnahme in den Verein vorgeschlagen und sofort einstimmig 
aufgenommen. 
Der Vorsitzende ladet die Mitglieder zur Besichtigung der 
durch Herrn Professor Gnauth aufgelegten Farbenskizzen über 
Partien in Verona, welche derselbe im Auftrage des Herzogs von 
Somerset dieses Frühjahr angefertigt hat, ein; sie stellen vor: 
1) Monument von San Signorio, 
2) Piazza Erbe (Gemüsemarkt), 
3) Interieur von San Zeno, 
4) Blick aus der Krypta von San Zeno, 
5) Größere Ansicht von S. Zeno. 
Sämmtliche Bilder sind mit bekannter Meisterschaft ausgeführt 
und werden deßhalb namentlich von denjenigen Mitgliedern, wel 
chen diese Partien von ihrer Kunstreise her bekannt sind, mit gro- 
hem Interesse betrachtet. 
Außerdem legte Herr Professor Gnauth noch zwei Photo 
graphien des am 2. Dezember d. I. eingeweihten Kriegerdenkmals 
auf dem Fangelsbach-Kirchhof auf, über dessen künstlerischen Werth 
sich bereits auch hiesige Blätter rühmlichst ausgesprochen haben. 
Herr Fabrikant Stotz erläutert die ihm durch Herrn Rie- 
dinger junior in Augsburg in freundlichster Weise übergebenen 
Original-Zeichnungen über eine Pulver-Ramme nebst einer Photo 
graphie ihrer Aufstellung auf dem Bauplatz. 
Aus dem Vortrage geht hervor, auf welch' sinnreiche Weise 
die Manipulationen der Ramme bewerkstelligt werden können und 
daß diese Art Ramme, welche von ihrem Constructeur auf zwei 
Bauplätzen mit großem Erfolg verwendet worden ist, sogar bis 
jetzt die Leistungen einer Dampframme übertroffen hat, wobei 
namentlich der Vortheil hervorzuheben ist, daß durch sie die Köpfe 
der Pfühle nicht zerschlagen, überhaupt die Pfähle nicht eingeschla 
gen, sondern gedrückt und zur Bedienung derselben nur zwei Mann 
nöthig werden. 
In Beilage 3 mit zugehöriger Zeichnungsbeilage 2 hatte Herr 
Stotz genauen Beschrieb und Darstellung der Ramme mit aner- 
kennenswerther Zustimmung des Herrn Rieding er zu geben die 
Güte. 
Herr Baurath Bock legte die Zeichnungen über den hiesigen, 
von ihm entworfenen und ausgeführten Ludwigsspital vor und 
erläuterte dieselbe so eingehend, daß der unter seiner Leitung mor 
gen Nachmittags stattfindende Besuch des Gebäudes selbst, das Ver 
ständniß der Airlage wesentlich fördern wird. 
Am Schluffe dankt der Vorsitzende den Herren Gnauth, 
Stotz und Bock für ihre werthvollen Mittheilungen an dem heu 
tigen Abend. 
Sonntag den 6. Dezember 1874, Nachmittags, ver 
einigten sich 28 Mitglieder und einige Gäste in dem Ludwigs 
spital, woselbst von der Direktion die ganze Anstalt auf das Be 
reitwilligste geöffnet war. 
Herr Baurath Bok erläuterte wiederholt sämmtliche Räume 
und Einrichtungen, welche auf dem neuesten Standpunkt der Wissen 
schaft und Erfahrung getroffen worden sind, so namentlich die mit 
telst Dampfkraft in Gang zu setzenden Apparate in der Wasch- 
und Kochküche, in den Bädern, bei der Wasserversorgung, Heizung 
Ventilation u. s. w. 
Die Besucher verließen diese interessante, auch in architektoni 
scher Beziehung wohlgelungene Anstalt mit größter Befriedigung 
und versammelten sich in der Liederhalle, um noch einige Stunden 
in Geselligkeit zuzubringen, woselbst der Vorstand und Herr Ober 
baurath v. Landauer mit warmen Worten Herrn Bok den 
Dank für seine freundliche Führung und Erläuterung und die An 
erkennung, welche er auf dem hygienischen Gebiete sich durch eine 
Reihe von Bauten erworben — mit betn Wunsche — aussprachen:
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.